Akzelerationismus–die Revolution durch Beschleunigung des Fortschritts und die Förderung der Katharsis–Ist das links?

In München tagte in der Seidlvilla ein Symposimum zum Thema „Was ist links?“. Dazu haben wir schon berichtet.Interessanter war auf dem Symposium, dass erstmals eine linke Gruppe namens “Akzelerationismus”auftrat, die der Ansicht ist, dass die Bevölkerung nicht mittels Überzeugungsarbeit und Aktionen zu gewinnen ist, viel zu sehr in ihren nationalistischen und kapitalistischen Überzeugungen befangen sei, als dass man sie noch moderieren könnte, sondern nur durch bitteres Lernen, durch die aktive Förderung der Krisis, die Katharisis eine radikale progressive Umwälzung der Weltgesellschaft erzielen könne. All jene Menschen, die unserer heutigen weltkapitalistischen Welt eine Entschleunigung empfehlen, halten die Akzelerationisten die Forderung einer Beschleunigung entgegen–acelare–beschleunigen.Die Menschheit lerne nur durch schlechte Erfahrungen, nur durch die Beschleunigung und Zuspitzung aller Trends des Weltkapitalismus.Die Sowjetunion, die EU oder die NATO, die UNO,etc. habe es erst nach den Erfahrungen des Faschismus, Imperialismus und 2. Weltkriegs gegeben. Erst nach Millionen Toten und dem Holocaust sei es zu einer fortschrittlichen Entwicklung gekommen, erst danach habe es einige Jahrzehnte der internationalen Kooperation und des relativem Friedens gegegben.Die Schlußfolgerung: Die Leute soll man nicht davon abhalten ihre eigene Katastrophe zu wählen, sondern sie gerade darin bestärken, die rechten Parteien zu wählen,Trump, AfD,Le Pens Front National zu wählen, damit die alte Weltordnung in Trümmer und Krieg zerfällt und aus dem Dark Age, der totalen Verzweiflung, die der Nationalismus hinterlassen wird, eine neue Zeit und ein neues Zeitalter internationaler Kooperation entstehen lässt.Hart gesagt: Diese Leute hätten auch zur Wahl der NSDAP aufgerufen, um ihre erhoffte Katharisis herzubekommen.

Hier fragt man sich: Ist dies ein ernstgemeinter Ansatz oder sind diese Leute nicht eher konterrevolutionäre Agenten, die die Linke paralysieren und zu nützlichen Idioten und Steigbügelhaltern der Rechten machen wollen? Wollen sich hier von den Liebesbekundungen der Massen verschmähte Linke an diesen rächen?

Ich werde spontan erst einmal dagegen einige Argumente machen. Erstens ist der Akzeleratismus für mich ein Ausdruck, dass Linke keinen anderen Gesellschaftsentwurf haben, den sie positiv in ihrer Propaganda einbringen könnten.Die Akzeleralisten sind spontanistisch und ex negativo, dass sich schon das richtige Ergebnis herausstellen würde, wenn die Zerstörung, das Chaos  und Desillusion nur groß genug sei. Wenn man einmal Trotzkis „Verratene Revolution“liest, so macht er das Entstehen des Stalinismus vor allem an zwei Gründen auf: Dass die Revolution nicht in einem entwickelten kapitalistischen Land stattgefunden hat und zweitens die Rückständigkeit, die Zerstörungen des Bürgerkriegs einen neuen totalitären Leviathan des Stalinismus geradezu befördert hätte. Mal anders: Zu hoffen, dass durch die Zerstörungen des Nationalismus verwüstete Weltgesellschaften etwas Emanzipatorisches, etwas Fortschrittliches, etwas Positives hervorbringen könnten außer einer Zwangsherrschaft, um das vorgefundene Massenelend irgendwie noch zum Überleben zu reorganisieren und zwangszuverwalten, ist ja eine geradezu idealistisches wishful thinking. Zumal sich ein neuer Nationalismus heute auch anders als im Ersten und Zweiten Weltkrieg mittels Massenvernichtungswaffen austoben würde.Zumal muss man sehen, dass es nach der Katastrophe des 2. Weltzkrieges zwei grosse internationalistische Mächte gab, die USA und die Sowjetunion, die es bei der heutigen schon multipolaren Konstellation nicht mehr gebe.

Zum zweiten: Wenn man Leute von etwas überzeugen will, dann durch eine positive Vision, nicht aber durch die Hoffnung, wenn es die allgemeine Verelendung gebe, alle dann einsichtiger würden und sich spontan aus den Verwüstungen, dem Elend der absoluten Mangelwirtschaft sich etwas Emanzipatorisches spontan entwickeln würde, insofern man nicht mal ein anderes Gesellschaftsmodell hat..Diese Verelendnungstheorien haben schon lange Tradition in der Linken. Nun mögen Gegner erwidern, das die Verelendung eben gerade nicht eingetreten sei, die Leute deswegen zu verbürgerlicht seien,deswegen abgestumpft seien und daher auch nicht gewinnbar für Argumente gegen ein kapitalistisches System seien.Dazu ist zu sagen, dass der Kapitalismus immer wieder seine Wirtschaftskrisen, Finanzkrisen mit all ihren politischen Implikationen, vom Aufstieg der Rechten, zu Handels-, Wirtschaftskriegen, ja auch durch die zunehmenden internationalen Spannungen zu Kriegen und Weltkriegen führen würde.Was ist aber damit gewonnen, wenn man das feststellt und nicht damit argumentiert, sondern sich umgekehrt noch als nützlicher Katalysator solch einer politischen Entwicklung macht.Wäre eine Linke nach einer Katastrophe glaubwürdiger, wenn sie einen Hitler oder Holocaust aktiv gefördert hätte, um durch diese Zuspitzung eine Katharsis zum Besseren zu erhalten? Wäre sie gerade dadurch nicht gründlich diskrediteirt und als Steigbügelhalter auf der Linken für alle Zeiten verschrien, die das Elend erst und mit möglich gemacht hat? Die Linke muss sich gerade in Krisenzeiten dadurch auszeichnen, dass sie gegen die Krisensymptome Soziallabbau, Verschlechterung der Lebensbedingungen, Rechtsrutsch, Aufrüstung und Militarismus, Demokratieabbau kämpft, also gerade deutlich macht, dass sie gewisse zivile Errungenschaften verteidigt, ja auch sogar für Verbesserungen der Lebensbedingungen eintritt. Dass sich diese wahrscheinlich nicht immer einstellen, führt die Massen dann auch zu einer gewissen Entfremdung mit dem System und seinen Versprechungen, ja kann auch dazu führen, dass sich Menschen über die Symptombekämpfung hinaus grundsätzlichere Gedanken über die Beschaffenheit des Systems machen und hier wäre es eben gut, wenn Linke auch eine Systemalternative, ein besseres Gesellschaftsmodell als Alternative hätten und für dieses werben.

Zuletzt noch: Gerade die Linke wurde durch den Faschismus nachhaltig so ausgezehrt und personell ausgedünnt, dass man schon einen sehr elaborierten Überwinterungsplan in einem fiktiven Untergund für eine derartige Katastrophe haben müsste, um danach, wenn die Kader durch Kriegstod, Konzentrationslager,etc. Vernichtet und geschwächt wären, sich dann noch irgendwie sammeln und etwas positiv wenden könnten.Aus alle diesen Gründen lehne ich den Akzeleratismus ab und das Hauptproblem der Linken liegt eher in ihrem fehlenden neuen Gesellschaftsmodell.

Soweit zum linksapokalyptischen Akzelerationissmus. Es gibt aber auch im Umfeld des Silicon Valleys einen rechten Akzelerationismus, der sich eine neue Gesellschaft mittels Schumpeterscher „kreativer Zerstörung“mittels disruptiven Technologien und ein Zeitalter des Turbokapitalismus und Transhumansimus und der Eugenik erträumt.Wie die linken Akzerationisten wollen sie daher alle politischen, technologischen und wirtschaftlichen Bewegungen unterstützen und beschleunigen, die diese rechte Utopia möglich machen.Einen humanistischen Anspruch haben sie ohnehin nicht,vielleicht eher einen transhumanistischen Anspruch ala Ray Kurzweil und sein Menschheit 4.0, sie sehen dies eher als sozialdarwinsitische Evolution, die man durch eine Revolution fördern müsse, indem man die Kräfte der Technologie und des Kapitalismus ultimativ freisetze und katalysiere und beschleunige.

Aber es gibt auch marxistische Akzelerationisten in den USA und auch im Silicon Valley, die eine alternative Modernität anstreben, die der Neoliberalismus nicht generieren kann, den Neoliberalismus scharf kritisieren, von Klimawandel bis zu sozialer Ungerechtigkeiten so alles kritisieren und ihr eigenes Manifesto for an Accelerationist Politics geschrieben haben, die eher auf eine gesellschaftliche Revolution und Beschleunigung zivilisatorisch positiver Trends und nicht der Schumpeterschen „kreativen Zerstörung“hinwirken wollen, eine nostalgische Rückkehr zum Fordismus und Keynesianismus wie aber auch einen technolischen Utopismus ablehnen, der meint die sozialen Konflikte könnten nur durch Technologie gelöst werden ohne Änderung der kapitalistischen Gesellschaft und über eine postkapitalistische Gesellschaft nachdenken, die aber nicht nur den bestehenden Fortschritt der kapitalistischen Entwicklung fortsetzt, sondern mittels Plattformen als zentralem Veränderungsmittel, den technologischen Fortschritt beschleunigt und entgrenzt, der durch die kapitalistischen Fesseln behindert wird –hierzu sei auch eine Abkehr vom Postmodernismus nötig und eine wirkliche Verwirklichung der Ideale der Aufklärung anzustreben vor allem die Idee einer Beherrschung und Planbarkeit der Gesellschaft. Während der Postmodernismus die Grand Narrative der Aufklärung als Erzählungen, die schon erzählt und widerlegt wurden und daher nicht mehr wirkungsmächtig seien ansehen würde, gelte es die falsch umgesetzten Ideale von Aufklärung und Moderne im Sinne von Selbstkritik, Selbstherrschaft des Menschen und einer alternativen Modernität wiederzubeleben.Eine chaotische, sich selbstorganisierende Gesellschaftsentwicklung lehnt diese Sorte von Akzelerationisten ab. Es wird aber auch keine Zentralplanwirtschaft gefordert, noch ein Zurück zum Laplacschen Dämon, sondern ein ökonomisches und gesellschaftliches Experimentieren gemäß einer modernen Kybernetik–als Vorbild wird das chilenische Projekt Cybersyn empfohlen. Zu Cybersyn der Allenderegierung kann man lesen:

„Die Bomben fielen bereits auf den Präsidentenpalast von Chile, als zwei Männer einen Koffer voller Dokumente, Magnetbänder und Lochstreifen aus der vom Militär umstellten Wirtschaftsförderungsbehörde CORFO schmuggelten. Es war der 11. September 1973, und das Militär unter General Pinochet putschte gegen Salvador Allendes sozialistische Regierung.

In deren Auftrag hatten Raúl Espejo und Guillermo Toro, die beiden Flüchtigen, an einer Anlage gearbeitet, die die rechte Propaganda als „Kommunistenmaschine“ bezeichnete. Es handelte sich um ein visionäres Computernetzwerk, das die 400 wichtigsten Fabriken des Landes miteinander verband und von einer futuristischen Kommandozentrale aus gesteuert wurde – das Projekt Cybersyn.

Das System war die Schöpfung des englischen Kybernetikers und Unternehmensberaters Stafford Beer, der es in den vorangegangenen zwei Jahren im Auftrag des Wirtschaftsministeriums aufgebaut hatte. „Da war dieser große Engländer mit seinem gewaltigen Bart, immer freundlich, in der einen Hand eine Zigarre, in der anderen ein Glas Whisky, und wann immer ich mit ihm sprach, hatte ich das Gefühl: er spinnt, aber er ist völlig brillant“, erinnert sich der technische Leiter der Gruppe, Raúl Espejo.

In der Wirtschaftsförderungsbehörde CORFO war man überzeugt, dass Beers kybernetische Managementprinzipien nicht nur Unternehmen, sondern auch eine ganze Volksökonomie effizienter machen konnten – selbst die eines unterentwickelten Staates wie Chile. Ziel war mitnichten eine Verwaltungswirtschaft nach sowjetischem Vorbild, sondern ein dritter Weg zwischen Plan- und Marktwirtschaft – ähnlich, wie Allende nach seiner Wahl 1970 den imperialen Kapitalismus zurückdrängen wollte, ohne eine kommunistische Diktatur zu errichten.“

http://www.spiegel.de/einestages/projekt-cybersyn-stafford-beers-internet-vorlaeufer-in-chile-a-1035559.html

Cybersyn sollte zudem eine Partzipation von Staat, Managern und Arbeitern ermöglichen:

„Giving the state control of Chile’s most important industries constituted a central plank of Allende’s platform, but created management difficulties. The government had limited experience in this area. Yet by the end of 1971, it had taken control of more than one hundred and fifty enterprises, among them twelve of the twenty largest companies in Chile.

The problem of how to manage these newly socialized enterprises led a young Chilean engineer named Fernando Flores to contact a British cybernetician named Stafford Beer and ask for advice. Flores worked for the government agency charged with the nationalization effort; Beer was an international business consultant known for his work in the area of management cybernetics, which he defined as the “cybernetics of effective organization.”

Together, they formed a team of Chilean and British engineers and developed a plan for a new technological system that would improve the government’s ability to coordinate the state-run economy.

The system would provide daily access to factory production data and a set of computer-based tools that the government could use to predict future economic behavior. It also included a futuristic operations room that would facilitate government decision-making through conversation and better comprehension of data. Beer envisioned ways to both increase worker participation in the economy and preserve the autonomy of factory managers, even with expanding state influence.“

https://www.jacobinmag.com/2015/04/allende-chile-beer-medina-cybersyn/

Inwieweit aber die kapitalistischen Bewegungsgesetze damit überhaupt außer Kraft gesetzt werden oder ob der alleswissende- und koordinierende Zentralcomputer diese nicht nur effizienter und schneller befördert, wird dabei nicht untersucht. Ebenso stellt sich die Frage, ob die Akzelerationisten die Lenkung der Gesellschaft einem Zentralcomputer und seinen Alogarithmen, vielleicht noch einer selbstautomatisierten künstlichen Intelligenz übertragen wollen und den Menschen aus dem Entscheidungsprozess weitgehendst entfernen wollen. Oder ob dies nicht eher auf die Herrschaft einer kybernetischen Technokratenklasse herausläuft, die bestimmen was die ultima ratio für eine Gesellschaft ist. Oder wird dann nur noch über Alogarithmen abgestimmt, die die gesellschaftliche Lenkung bestimmen und automatisieren? Was ist gemeint?

Der Demokratiebegriff der Akzelerationisten ist mindestens ambivalent oder bestenfalls dialektisch: Offenheit, Horizonztalität, Transparenz, Inklusion, Abstimmungen werden als ineffektiv und Fetisch der Linken abgelehnt. Demokratie sei nicht durch ihre Mittel und den formellen Prozess zu bestimmen, sondern an den Zielen der efffektiven Selbstherrschaft. Gleichzeitig wird aber auch Zentralismus abgelehnt, sich für einen Pluralismus ausgesprochen und ein Experimentieren anhand konkreter Plattformen propagiert. Zentralismus und chaotischer Dezentralismus werden abgelehnt, horizontale und vertikale Strukturen müssen so verbunden werden, dass sie Totalitarismus wie aber auch Anarchismus vorbeugen–in ihren Worten: der Plan muss mit dem Netzwerk verheiratet werden:

„13. The overwhelming privileging of democracy-as-process needs to be left behind. The fetishisation of openness, horizontality, and inclusion of much of today’s ‘radical’ left set the stage for ineffectiveness. Secrecy, verticality, and exclusion all have their place as well in effective political action (though not, of course, an exclusive one).

14. Democracy cannot be defined simply by its means — not via voting, discussion, or general assemblies. Real democracy must be defined by its goal — collective self-mastery. This is a project which must align politics with the legacy of the Enlightenment, to the extent that it is only through harnessing our ability to understand ourselves and our world better (our social, technical, economic, psychological world) that we can come to rule ourselves. We need to posit a collectively controlled legitimate vertical authority in addition to distributed horizontal forms of sociality, to avoid becoming the slaves of either a tyrannical totalitarian centralism or a capricious emergent order beyond our control. The command of The Plan must be married to the improvised order of The Network.

15. We do not present any particular organisation as the ideal means to embody these vectors. What is needed — what has always been needed — is an ecology of organisations, a pluralism of forces, resonating and feeding back on their comparative strengths. Sectarianism is the death knell of the left as much as centralization is, and in this regard we continue to welcome experimentation with different tactics (even those we disagree with).“

Grundsätzlich gilt für die Akzelerationisten: Technologische und gesellschaftliche Entwicklung bedingten sich gegenseitig und müssten daher gegenseitig beschleunigt und vorangetrieben werden und Cybersyn sei das Zukunftsmodell. Hier noch das Manifest des Akzelerationismus im Original:

#ACCELERATE MANIFESTO for an Accelerationist Politics

by Alex Williams and Nick Srnicek • 14 May 2013

Accel­er­a­tion­ism pushes towards a future that is more mod­ern, an altern­at­ive mod­ern­ity that neo­lib­er­al­ism is inher­ently unable to gen­er­ate.

01. INTRODUCTION: On the Conjuncture

1. At the beginning of the second decade of the Twenty-First Century, global civilization faces a new breed of cataclysm. These coming apocalypses ridicule the norms and organisational structures of the politics which were forged in the birth of the nation-state, the rise of capitalism, and a Twentieth Century of unprecedented wars.

2. Most significant is the breakdown of the planetary climatic system. In time, this threatens the continued existence of the present global human population. Though this is the most critical of the threats which face humanity, a series of lesser but potentially equally destabilising problems exist alongside and intersect with it. Terminal resource depletion, especially in water and energy reserves, offers the prospect of mass starvation, collapsing economic paradigms, and new hot and cold wars. Continued financial crisis has led governments to embrace the paralyzing death spiral policies of austerity, privatisation of social welfare services, mass unemployment, and stagnating wages. Increasing automation in production processes including ‘intellectual labour’ is evidence of the secular crisis of capitalism, soon to render it incapable of maintaining current standards of living for even the former middle classes of the global north.

3. In contrast to these ever-accelerating catastrophes, today’s politics is beset by an inability to generate the new ideas and modes of organisation necessary to transform our societies to confront and resolve the coming annihilations. While crisis gathers force and speed, politics withers and retreats. In this paralysis of the political imaginary, the future has been cancelled.

4. Since 1979, the hegemonic global political ideology has been neoliberalism, found in some variant throughout the leading economic powers. In spite of the deep structural challenges the new global problems present to it, most immediately the credit, financial, and fiscal crises since 2007–8, neoliberal programmes have only evolved in the sense of deepening. This continuation of the neoliberal project, or neoliberalism 2.0, has begun to apply another round of structural adjustments, most significantly in the form of encouraging new and aggressive incursions by the private sector into what remains of social democratic institutions and services. This is in spite of the immediately negative economic and social effects of such policies, and the longer term fundamental barriers posed by the new global crises.

5. That the forces of right wing governmental, non-governmental, and corporate power have been able to press forth with neoliberalisation is at least in part a result of the continued paralysis and ineffectual nature of much what remains of the left. Thirty years of neoliberalism have rendered most left-leaning political parties bereft of radical thought, hollowed out, and without a popular mandate. At best they have responded to our present crises with calls for a return to a Keynesian economics, in spite of the evidence that the very conditions which enabled post-war social democracy to occur no longer exist. We cannot return to mass industrial-Fordist labour by fiat, if at all. Even the neosocialist regimes of South America’s Bolivarian Revolution, whilst heartening in their ability to resist the dogmas of contemporary capitalism, remain disappointingly unable to advance an alternative beyond mid-Twentieth Century socialism. Organised labour, being systematically weakened by the changes wrought in the neoliberal project, is sclerotic at an institutional level and — at best — capable only of mildly mitigating the new structural adjustments. But with no systematic approach to building a new economy, or the structural solidarity to push such changes through, for now labour remains relatively impotent. The new social movements which emerged since the end of the Cold War, experiencing a resurgence in the years after 2008, have been similarly unable to devise a new political ideological vision. Instead they expend considerable energy on internal direct-democratic process and affective self-valorisation over strategic efficacy, and frequently propound a variant of neo-primitivist localism, as if to oppose the abstract violence of globalised capital with the flimsy and ephemeral “authenticity” of communal immediacy.

6. In the absence of a radically new social, political, organisational, and economic vision the hegemonic powers of the right will continue to be able to push forward their narrow-minded imaginary, in the face of any and all evidence. At best, the left may be able for a time to partially resist some of the worst incursions. But this is to be Canute against an ultimately irresistible tide. To generate a new left global hegemony entails a recovery of lost possible futures, and indeed the recovery of the future as such.

02. INTEREGNUM: On Accelerationisms

1. If any system has been associated with ideas of acceleration it is capitalism. The essential metabolism of capitalism demands economic growth, with competition between individual capitalist entities setting in motion increasing technological developments in an attempt to achieve competitive advantage, all accompanied by increasing social dislocation. In its neoliberal form, its ideological self-presentation is one of liberating the forces of creative destruction, setting free ever-accelerating technological and social innovations.

2. The philosopher Nick Land captured this most acutely, with a myopic yet hypnotising belief that capitalist speed alone could generate a global transition towards unparalleled technological singularity. In this visioning of capital, the human can eventually be discarded as mere drag to an abstract planetary intelligence rapidly constructing itself from the bricolaged fragments of former civilisations. However Landian neoliberalism confuses speed with acceleration. We may be moving fast, but only within a strictly defined set of capitalist parameters that themselves never waver. We experience only the increasing speed of a local horizon, a simple brain-dead onrush rather than an acceleration which is also navigational, an experimental process of discovery within a universal space of possibility. It is the latter mode of acceleration which we hold as essential.

3. Even worse, as Deleuze and Guattari recognized, from the very beginning what capitalist speed deterritorializes with one hand, it reterritorializes with the other. Progress becomes constrained within a framework of surplus value, a reserve army of labour, and free-floating capital. Modernity is reduced to statistical measures of economic growth and social innovation becomes encrusted with kitsch remainders from our communal past. Thatcherite-Reaganite deregulation sits comfortably alongside Victorian ‘back-to-basics’ family and religious values.

4. A deeper tension within neoliberalism is in terms of its self-image as the vehicle of modernity, as literally synonymous with modernisation, whilst promising a future that it is constitutively incapable of providing. Indeed, as neoliberalism has progressed, rather than enabling individual creativity, it has tended towards eliminating cognitive inventiveness in favour of an affective production line of scripted interactions, coupled to global supply chains and a neo-Fordist Eastern production zone. A vanishingly small cognitariat of elite intellectual workers shrinks with each passing year — and increasingly so as algorithmic automation winds its way through the spheres of affective and intellectual labour. Neoliberalism, though positing itself as a necessary historical development, was in fact a merely contingent means to ward off the crisis of value that emerged in the 1970s. Inevitably this was a sublimation of the crisis rather than its ultimate overcoming.

5. It is Marx, along with Land, who remains the paradigmatic accelerationist thinker. Contrary to the all-too familiar critique, and even the behaviour of some contemporary Marxians, we must remember that Marx himself used the most advanced theoretical tools and empirical data available in an attempt to fully understand and transform his world. He was not a thinker who resisted modernity, but rather one who sought to analyse and intervene within it, understanding that for all its exploitation and corruption, capitalism remained the most advanced economic system to date. Its gains were not to be reversed, but accelerated beyond the constraints the capitalist value form.

6. Indeed, as even Lenin wrote in the 1918 text “Left Wing” Childishness:

Socialism is inconceivable without large-scale capitalist engineering based on the latest discoveries of modern science. It is inconceivable without planned state organisation which keeps tens of millions of people to the strictest observance of a unified standard in production and distribution. We Marxists have always spoken of this, and it is not worth while wasting two seconds talking to people who do not understand even this (anarchists and a good half of the Left Socialist- Revolutionaries).

7. As Marx was aware, capitalism cannot be identified as the agent of true acceleration. Similarly, the assessment of left politics as antithetical to technosocial acceleration is also, at least in part, a severe misrepresentation. Indeed, if the political left is to have a future it must be one in which it maximally embraces this suppressed accelerationist tendency.

03. MANIFEST: On the Future

1. We believe the most important division in today’s left is between those that hold to a folk politics of localism, direct action, and relentless horizontalism, and those that outline what must become called an accelerationist politics at ease with a modernity of abstraction, complexity, globality, and technology. The former remains content with establishing small and temporary spaces of non-capitalist social relations, eschewing the real problems entailed in facing foes which are intrinsically non-local, abstract, and rooted deep in our everyday infrastructure. The failure of such politics has been built-in from the very beginning. By contrast, an accelerationist politics seeks to preserve the gains of late capitalism while going further than its value system, governance structures, and mass pathologies will allow.

2. All of us want to work less. It is an intriguing question as to why it was that the world’s leading economist of the post-war era believed that an enlightened capitalism inevitably progressed towards a radical reduction of working hours. In The Economic Prospects for Our Grandchildren (written in 1930), Keynes forecast a capitalist future where individuals would have their work reduced to three hours a day. What has instead occurred is the progressive elimination of the work-life distinction, with work coming to permeate every aspect of the emerging social factory.

3. Capitalism has begun to constrain the productive forces of technology, or at least, direct them towards needlessly narrow ends. Patent wars and idea monopolisation are contemporary phenomena that point to both capital’s need to move beyond competition, and capital’s increasingly retrograde approach to technology. The properly accelerative gains of neoliberalism have not led to less work or less stress. And rather than a world of space travel, future shock, and revolutionary technological potential, we exist in a time where the only thing which develops is marginally better consumer gadgetry. Relentless iterations of the same basic product sustain marginal consumer demand at the expense of human acceleration.

4. We do not want to return to Fordism. There can be no return to Fordism. The capitalist “golden era” was premised on the production paradigm of the orderly factory environment, where (male) workers received security and a basic standard of living in return for a lifetime of stultifying boredom and social repression. Such a system relied upon an international hierarchy of colonies, empires, and an underdeveloped periphery; a national hierarchy of racism and sexism; and a rigid family hierarchy of female subjugation. For all the nostalgia many may feel, this regime is both undesirable and practically impossible to return to.

5. Accelerationists want to unleash latent productive forces. In this project, the material platform of neoliberalism does not need to be destroyed. It needs to be repurposed towards common ends. The existing infrastructure is not a capitalist stage to be smashed, but a springboard to launch towards post-capitalism.

6. Given the enslavement of technoscience to capitalist objectives (especially since the late 1970s) we surely do not yet know what a modern technosocial body can do. Who amongst us fully recognizes what untapped potentials await in the technology which has already been developed? Our wager is that the true transformative potentials of much of our technological and scientific research remain unexploited, filled with presently redundant features (or pre-adaptations) that, following a shift beyond the short-sighted capitalist socius, can become decisive.

7. We want to accelerate the process of technological evolution. But what we are arguing for is not techno-utopianism. Never believe that technology will be sufficient to save us. Necessary, yes, but never sufficient without socio-political action. Technology and the social are intimately bound up with one another, and changes in either potentiate and reinforce changes in the other. Whereas the techno-utopians argue for acceleration on the basis that it will automatically overcome social conflict, our position is that technology should be accelerated precisely because it is needed in order to win social conflicts.

8. We believe that any post-capitalism will require post-capitalist planning. The faith placed in the idea that, after a revolution, the people will spontaneously constitute a novel socioeconomic system that isn’t simply a return to capitalism is naïve at best, and ignorant at worst. To further this, we must develop both a cognitive map of the existing system and a speculative image of the future economic system.

9. To do so, the left must take advantage of every technological and scientific advance made possible by capitalist society. We declare that quantification is not an evil to be eliminated, but a tool to be used in the most effective manner possible. Economic modelling is — simply put — a necessity for making intelligible a complex world. The 2008 financial crisis reveals the risks of blindly accepting mathematical models on faith, yet this is a problem of illegitimate authority not of mathematics itself. The tools to be found in social network analysis, agent-based modelling, big data analytics, and non-equilibrium economic models, are necessary cognitive mediators for understanding complex systems like the modern economy. The accelerationist left must become literate in these technical fields.

10. Any transformation of society must involve economic and social experimentation. The Chilean Project Cybersyn is emblematic of this experimental attitude — fusing advanced cybernetic technologies, with sophisticated economic modelling, and a democratic platform instantiated in the technological infrastructure itself. Similar experiments were conducted in 1950s–1960s Soviet economics as well, employing cybernetics and linear programming in an attempt to overcome the new problems faced by the first communist economy. That both of these were ultimately unsuccessful can be traced to the political and technological constraints these early cyberneticians operated under.

11. The left must develop sociotechnical hegemony: both in the sphere of ideas, and in the sphere of material platforms. Platforms are the infrastructure of global society. They establish the basic parameters of what is possible, both behaviourally and ideologically. In this sense, they embody the material transcendental of society: they are what make possible particular sets of actions, relationships, and powers. While much of the current global platform is biased towards capitalist social relations, this is not an inevitable necessity. These material platforms of production, finance, logistics, and consumption can and will be reprogrammed and reformatted towards post-capitalist ends.

12. We do not believe that direct action is sufficient to achieve any of this. The habitual tactics of marching, holding signs, and establishing temporary autonomous zones risk becoming comforting substitutes for effective success. “At least we have done something” is the rallying cry of those who privilege self-esteem rather than effective action. The only criterion of a good tactic is whether it enables significant success or not. We must be done with fetishising particular modes of action. Politics must be treated as a set of dynamic systems, riven with conflict, adaptations and counter-adaptations, and strategic arms races. This means that each individual type of political action becomes blunted and ineffective over time as the other sides adapt. No given mode of political action is historically inviolable. Indeed, over time, there is an increasing need to discard familiar tactics as the forces and entities they are marshalled against learn to defend and counter-attack them effectively. It is in part the contemporary left’s inability to do so which lies close to the heart of the contemporary malaise.

13. The overwhelming privileging of democracy-as-process needs to be left behind. The fetishisation of openness, horizontality, and inclusion of much of today’s ‘radical’ left set the stage for ineffectiveness. Secrecy, verticality, and exclusion all have their place as well in effective political action (though not, of course, an exclusive one).

14. Democracy cannot be defined simply by its means — not via voting, discussion, or general assemblies. Real democracy must be defined by its goal — collective self-mastery. This is a project which must align politics with the legacy of the Enlightenment, to the extent that it is only through harnessing our ability to understand ourselves and our world better (our social, technical, economic, psychological world) that we can come to rule ourselves. We need to posit a collectively controlled legitimate vertical authority in addition to distributed horizontal forms of sociality, to avoid becoming the slaves of either a tyrannical totalitarian centralism or a capricious emergent order beyond our control. The command of The Plan must be married to the improvised order of The Network.

15. We do not present any particular organisation as the ideal means to embody these vectors. What is needed — what has always been needed — is an ecology of organisations, a pluralism of forces, resonating and feeding back on their comparative strengths. Sectarianism is the death knell of the left as much as centralization is, and in this regard we continue to welcome experimentation with different tactics (even those we disagree with).

16. We have three medium term concrete goals. First, we need to build an intellectual infrastructure. Mimicking the Mont Pelerin Society of the neoliberal revolution, this is to be tasked with creating a new ideology, economic and social models, and a vision of the good to replace and surpass the emaciated ideals that rule our world today. This is an infrastructure in the sense of requiring the construction not just of ideas, but institutions and material paths to inculcate, embody and spread them.

17. We need to construct wide-scale media reform. In spite of the seeming democratisation offered by the internet and social media, traditional media outlets remain crucial in the selection and framing of narratives, along with possessing the funds to prosecute investigative journalism. Bringing these bodies as close as possible to popular control is crucial to undoing the current presentation of the state of things.

18. Finally, we need to reconstitute various forms of class power. Such a reconstitution must move beyond the notion that an organically generated global proletariat already exists. Instead it must seek to knit together a disparate array of partial proletarian identities, often embodied in post-Fordist forms of precarious labour.

19. Groups and individuals are already at work on each of these, but each is on their own insufficient. What is required is all three feeding back into one another, with each modifying the contemporary conjunction in such a way that the others become more and more effective. A positive feedback loop of infrastructural, ideological, social and economic transformation, generating a new complex hegemony, a new post-capitalist technosocial platform. History demonstrates it has always been a broad assemblage of tactics and organisations which has brought about systematic change; these lessons must be learned.

20. To achieve each of these goals, on the most practical level we hold that the accelerationist left must think more seriously about the flows of resources and money required to build an effective new political infrastructure. Beyond the ‘people power’ of bodies in the street, we require funding, whether from governments, institutions, think tanks, unions, or individual benefactors. We consider the location and conduction of such funding flows essential to begin reconstructing an ecology of effective accelerationist left organizations.

21. We declare that only a Promethean politics of maximal mastery over society and its environment is capable of either dealing with global problems or achieving victory over capital. This mastery must be distinguished from that beloved of thinkers of the original Enlightenment. The clockwork universe of Laplace, so easily mastered given sufficient information, is long gone from the agenda of serious scientific understanding. But this is not to align ourselves with the tired residue of postmodernity, decrying mastery as proto-fascistic or authority as innately illegitimate. Instead we propose that the problems besetting our planet and our species oblige us to refurbish mastery in a newly complex guise; whilst we cannot predict the precise result of our actions, we can determine probabilistically likely ranges of outcomes. What must be coupled to such complex systems analysis is a new form of action: improvisatory and capable of executing a design through a practice which works with the contingencies it discovers only in the course of its acting, in a politics of geosocial artistry and cunning rationality. A form of abductive experimentation that seeks the best means to act in a complex world.

22. We need to revive the argument that was traditionally made for post-capitalism: not only is capitalism an unjust and perverted system, but it is also a system that holds back progress. Our technological development is being suppressed by capitalism, as much as it has been unleashed. Accelerationism is the basic belief that these capacities can and should be let loose by moving beyond the limitations imposed by capitalist society. The movement towards a surpassing of our current constraints must include more than simply a struggle for a more rational global society. We believe it must also include recovering the dreams which transfixed many from the middle of the Nineteenth Century until the dawn of the neoliberal era, of the quest of Homo Sapiens towards expansion beyond the limitations of the earth and our immediate bodily forms. These visions are today viewed as relics of a more innocent moment. Yet they both diagnose the staggering lack of imagination in our own time, and offer the promise of a future that is affectively invigorating, as well as intellectually energising. After all, it is only a post-capitalist society, made possible by an accelerationist politics, which will ever be capable of delivering on the promissory note of the mid-Twentieth Century’s space programmes, to shift beyond a world of minimal technical upgrades towards all-encompassing change. Towards a time of collective self-mastery, and the properly alien future that entails and enables. Towards a completion of the Enlightenment project of self-criticism and self-mastery, rather than its elimination.

23. The choice facing us is severe: either a globalised post-capitalism or a slow fragmentation towards primitivism, perpetual crisis, and planetary ecological collapse.

24. The future needs to be constructed. It has been demolished by neoliberal capitalism and reduced to a cut-price promise of greater inequality, conflict, and chaos. This collapse in the idea of the future is symptomatic of the regressive historical status of our age, rather than, as cynics across the political spectrum would have us believe, a sign of sceptical maturity. What accelerationism pushes towards is a future that is more modern — an alternative modernity that neoliberalism is inherently unable to generate. The future must be cracked open once again, unfastening our horizons towards the universal possibilities of the Outside.

http://syntheticedifice.files.wordpress.com/2013/06/accelerate.pdf

http://criticallegalthinking.com/2013/05/14/accelerate-manifesto-for-an-accelerationist-politics/

Als Herausgeber des Sammelbands «#Akzeleration» hat Armen Avanessian das akzelerationistische Manifest von Alex Williams und Nick Srnicek im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht.Der gebürtige Wiener (*1973) hat in Wien und Paris Philosophie und Politikwissenschaften studiert – unter anderem bei Jacques Rancière. Ab 2007 forschte er unter anderem am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Avanessian hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, auch im Merve-Verlag, dessen Chefredaktor er seit 2014 ist.Er erklärt den Akzelerationismus so:

„Die Grundannahme des Akzelerationismus ist, dass es im allgemeinen Diskurs eine unheilvolle Gleichung gibt, die leider auch die linke politische Theorie allzu oft teilt. Sie lautet: Kapitalismus = Moderne = Fortschritt = Beschleunigung. Wenn man diese Gleichung akzeptiert, gibt es keine andere Möglichkeit, Widerstand zu denken, als über irgendeine Form von Entschleunigung.

Doch das ist der falsche Weg. Der Klimakatastrophe etwa können wir nicht entgehen, indem ein paar westliche Wohlsituierte aufs Land ziehen und Karotten pflanzen. Wir können auch nicht in die fordistische Gesellschaft der Nachkriegszeit zurückgehen. Dieses Gesellschaftsmodell lässt sich nicht mehr wiedereinführen, und es steht auch zu bezweifeln, ob wir das ernsthaft wollen. Wir wissen ja, wie das erkauft war: mit Kolonialismus und patriarchalen Strukturen. Es gibt nur den Weg voran.(…)

Nichts gegen 1968 – aber die Widerstandsformen von Mitte des 20. Jahrhunderts nützen nichts gegen Gegner, die mit avancierten technologischen Mitteln kämpfen. Es bringt nichts, gegen die NSA oder einen hochkomplexen Finanzmarkt auf die Strasse zu gehen. Wir müssen lernen, wie Widerstand heute zu leisten ist und wie ein idealer Revolutionär aussieht: Das ist heute kaum mehr Che Guevara mit der Kalaschnikow im Dschungel, sondern ein technologisch informierter Edward Snowden. Die Frage ist doch: Nehmen wir neue Technologien an, und wie können wir sie steuern? Aber sich von Facebook abzumelden, wird nicht helfen. Ich begrüsse es, dass es immer mehr Leute gibt, die keine Lust aufs Flugblätterverteilen haben, es aber durchaus als politisch empfinden, programmieren zu lernen. (…)

Man muss das umgekehrt denken: Wie politisieren wir die Programmierer? Es braucht einen politischen Drive, um die schon vorhandenen Technologien sinnvoll einzusetzen. Denken wir daran, was logistisch schon alles möglich ist, an die Automatisierung, das allgemeine Grundeinkommen. Da sind mit kleinen Schritten grosse Effekte möglich. Leider existiert in der Linken aber immer noch so etwas wie ein «technologischer Analphabetismus». Das hat dazu geführt, dass die Kluft zwischen jenen, die mit der Welt nicht zufrieden sind, und jenen, die sie tatsächlich gestalten, fast systematisch immer grösser wurde. Auch die sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften hinken immer hinter den Entwicklungen her, sie versuchen nur, das Schlimmste zu verhindern, etwas zu bremsen. Eine Politisierung der jeweiligen Praktiken wäre dringend notwendig.(…)

Der grundsätzliche Vorzeichenwechsel im Akzelerationismus besteht darin zu bezweifeln, dass der Kapitalismus tatsächlich ein fortschrittliches Prinzip ist, und dass es zugleich nötig ist, Fortschritt und Beschleunigung positiv zu konnotieren. Viele meinen, wir wollten alles noch mehr beschleunigen, um es gegen die Wand zu fahren. Doch der Akzelerationismus sagt genau das nicht – er sagt, wenn wir etwas verändern wollen in unserer beschleunigten Gesellschaft, geht es nicht anders, als dass wir die Beschleunigung annehmen und versuchen, sie zu navigieren, ihr eine progressive, sinnvolle Richtung zu geben. Mit einer andauernden Fetischisierung horizontaler Strukturen, etwa nur mit kleinen Versammlungen, ist das nicht zu lösen.(…)

Zentraler erscheint mir, andere Formen der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Nachdenkens zu finden. Ein wichtiges Arbeitskonzept im akzelerationistischen Denken sind Plattformen. Da wird nicht gesagt, wie etwas gemacht werden sollte, sondern damit wird konkret etwas anderes gemacht. Man versucht, zu einer experimentellen Praxis des gemeinsamen Arbeitens zu finden. Ich will mit Jean-Luc Godard sagen, es braucht weniger akademische politische Theorie, sondern eine Politisierung der akademischen Theorie. Politik bedeutet, das Feld, in dem man arbeitet, zu politisieren und Konflikte hervorzurufen. Ich brauche keine Utopien zu entwerfen, es reicht doch, wenn ich sage, hier tuts weh und dagegen wehre ich mich mit dieser kurzfristigen Taktik, und vielleicht habe ich sogar noch eine weiterführende Strategie, wo ich hinwill. Einen utopischen Raum zu imaginieren, der völlig ausserhalb ist, und mich ständig zu wundern, dass dieser nie Realität wird – ergibt das wirklich Sinn?“

https://www.woz.ch/-5b78

Dazu allen Akzelerationisten und Linken nochmals den folgenden Artikel empfohlen:

Was ist links und was sind die Aufgaben der Linken? Globalismus oder internationaler Liberalkommunismus als Zukunftsmodelle?

Seit dem Ende des Kalten Kriegs erklären viele Menschen, dass es kein links und rechts mehr gebe, nur noch rinks und lechts und diese Abgrenzungen keine Bedeutungen mehr hätten, ja man auch Querfronten bilden könne. Dass etwa Syriza mit den rechten Unabhängigen Griechen eine gemeinsame Koalition zur Durchsetzung der EU-Austeritätspolitik eingehen, wird da als Beispiel gebracht, dass die bisherigen Unterschiede sich auflösen würden. Oder dass der rechte, neoliberale philipinische Präsident Duterte in seine Regierung maoistische Kommunisten als Minister aufgenommen hat oder nun Teile der ehemaligen Kommunistischen Partei Italiens zum Anti-Establishmentbündnis mit der rechtspopulitischen 5- Sternebewegung Beppo Grillos aufrufen,  scheint selbige These zu unterstreichen. Es wäre so, als wenn die Linkspartei mit der AfD eine gemeinsame Regierung eingehen würde. Meiner Ansicht hängt dies auch damit zusammen, dass es in der traditionellen Linken einen ausgeprägten Nationalismus, der sich vor allem am Nationalstaat orientiert gab, eine gewisse Volkstümelei verfolgte und sich unter Kommunismus nur eine zentralistische Planwirtschaft unter der Diktatur einer Partei vorstellte und daher autoritäre Lösungen aller gesellschaftlichen Probleme bevorzugt.Während Marx , Lenin und Trotzki, die zwar auch autoritär dachten,  noch den Weltmarkt als grossen Vereiniger sahen, die Globaliserung sahen, einen internationalen Weltsowjet als Gegenmodell einer bürgerlichen Globalisierung, die in Nationalismus, Standortkonkurrenz, Imperialismus, Faschismus und Welktriegen münden musste und dies auch tat als Ziel hatten, so wurde dies spätestens unter Stalin, Mao, Ho Chi Minh, Castro, Kim Il Sung,Pol Pot in einen Nationalkommunismus überführt, der reaktionäre rechte Elemente geradezu beförderte. Dennoch polarisieren sich heutige Politiker trotz obiger Beispiele angesichts eines Jahrzehnts der gefeierten Mitte wieder immer mehr in rechts und links, sei es nun Bernie Sanders und Trump, Le Pen und Melechon oder die AfD und die Linkspartei und dass es zu Bündnissen zwischen diesen beiden Extremen ist sehr unwahrscheinlich.Dennoch gibt es Aufrufe Gysis und der Linken ein antifaschistisches Bündnis gegen die AfD mittels Landesregierungen auch mit der CDU einzugehen.Esgibt zwar begrenzt schon die Querfronten, doch bleiben sie ein eher begrenztes Phänomen. SPD-LINKSpartei-Grüne ist so weit entfernt, wie eben schwarz-grün nahe sein könnte. Doch das betrifft vor allem die reformistischen Teile der Linken, die nicht mal einev reale Machtoption haben und sich da anbiedern und keine grundlegenden Systemgedanken mehr wollen.

Jürgen Elsässer, der “Nationalbolschewist” (Gauland/AfD), der sich für Querfronten ausspricht, wird jedoch von klarer denkenden Rechtsradikalen wie Götz Kubitschek ausgebremst. Kubitschek erklärte ganz offen, dass der Unterschied zwischen Linksnationalisten und Rechstnationalisten eben sei, dass erstere immer noch an die Gleichheit der Menschen glaubten, während die Rechte an die Ungleichheit der Menschen glaubte.Das ist schon ein wesentlicher Hinweis auf eine Unterscheidbarkeit, aber reduziert sich auf den alten Gegensatz zwischen bürgerlichen Aufklärungsidealen von Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheitlichkeit im Gegensatz zu den reaktionären Vorstellungen.

Jedoch ist die Berufung auf die Gleichheit der Menschen,dieses von allen, auch Linken vorgetragene “Buntsein”,  unabhängig von Religion, Rasse, Geschlecht und anderen Identitäten ein relativ schwaches Alleinstellungsmerkmal für eine Linke, da dies auch bürgerliche Kräfte und Reformisten teilen, zumal eben auch das Kapital und seine globalistische Entwicklung das Prinzip der Gleichheit der Menschen nur noch aufgrund von Leistungsfähigkeit und Sozialdarwinsismus unterscheiden, aber Religion, Rasse, Geschlecht oder Ethnie ihm ziemlich egal sind ,solange diese Leute gut.als individuelle Arbeitsnomaden oder eben im Team funktionieren zwecks Kapitalakkumalion. Es ist auch kein Zufall, dass die UNO-Menschenrechtscharta da keine Diskriminierung aufgrund von Klassen kennt, sondern sich dem bürgerlich-kapitalistischen Ideal von Gleichheit anschließt und auch Sozialdarwinismus nicht bannt. Von daher ist die Berufung einer Linken auf die Gleichheit des Menschen kein Alleinstellungsmerkmal und ohne den Kampf gegen soziale Diskriminierung unvollständig.

Ich möchte daher mal auf eine andere Vision kommen, um überhaupt noch eine Perspektive für links aufzuzeigen.

Die letzten verbliebenen linken Systeme schwanken recht autistisch zwischen dem Sozialismus des 21. Jahrhunderts Venezuelas, dem staatskapitalistisch-oligarchischem System Chinas oder Vietnams oder den Ideen einer Arbeiterbeteiligung an den Betrieben einer Ludwig Erhardtschen sozialen Marktwirtschaft einer Sarah Wagenknecht, die auch ein Gauweiler lobt, vielleicht noch zwischen Forderungen von Teilen des Silicon Valleys, deutscher Unternehmer und der Piraten nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, zumal alle ja Nordkoreas System ablehnen.

Dies sind die wesentlichen Impulse der Linken und daran orientieren sich die meisten. Neue Überlegungen oder die Notwendigkeit mal etwas ganz Neues zu entwerfen und zu diskutieren, finden bisher nicht statt. Ausgespart bleibt auch die weitere Produktivkraftentwicklung von Industrie 4.0 und der Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft, sowie eben die ganzen neuen Produktivkraftentwicklungen im Silicon Valleys und ähnlicher Orte, wo schon längst auch künstliche Intelligenz, Transhumanismus ala Ray Kurzweil und seinem Menschheit 4.0 und anderes diskutiert wird. Das Interview mit Deutschlands Starpopulärphilosophen David Precht mit Sarah Wagenknecht ist mir da noch in guter Erinnerung. Precht versuchte Wagenknecht klarzumachen, dass im Silicon Valley riesige Produktivkraftentwicklungen vor sich gehen, ja es eben auch die „Californian Ideology“gibt, die mittels ihrer technologischen Produktivkraftsentwiclungen heute die wesentlichen Treiber der Utopienproduktion ist. Mit all ihren utopischen, sozialdarwinistsichen Ausformungsmöglichkeiten.Wagenknecht wusste wie die meisten Linken gar nicht worüber Precht sprach. Es ist auch bezeichnend, dass ein Claus Kleber in seinem ZDF-Beitrag “Silicon Valley–Schöne neue Welt” kurz vor Mitternacht über das Silicon Valley und die visionären Technologien dem Publikum überhaupt einmal nahebringen muss, was im Silicon Valley schon seit Jahrzehnten geschieht. Jedenfalls zeigt dies wie auch die mangelnde Literatur innerhalb der Linken bezüglich Produktivkraftentwicklungen, dass dies ein weißer Fleck ist. Wie schon bei den als Nebenwidersprüchen erklärten Frauenemanzipation, Emanzipation der Homosexuellen, dem Ignorieren ökologischer Fragen,etc. scheint die Linke nun auch die ganzen neuen Fragen der kommenden Produktivkraftentwicklung und ihrer gesellschaftlichen, nicht nur wirtschaftlichen Implikationen  mal wieder gehörig zu verschlafen.

Ebenso fehlt die Diskussion um andere Wirtschaftssysteme als die oben genannten linken Entwürfe. Hier haben bürgerliche, ja sogar exfeudalistische Ideologen schon die Führung übernommen. Sei es nun die sharing economy eines Jeremy Riffkin, der auch schon einmal einer Merkel Vorträge hält, sei es nun das Bruttonationalglücks Bhutans, das den bisherigen BSP- Ökonomismus ganzheitlich infrage stellt und ein neues Wirtschaftsmodell in Aussicht stellt, das schon von der Enquettekomission des Deutschen Bundestags diskutiert wird, aber bei der Linken gar nicht wahrgenommen wird.Man mag diese Systeme zwar kritisieren, aber es zeigt eben, dass bürgerliche und sogar exfeudalistische Kräfte scheinbar mehr neue Gesellschaftsentwürfe und pseudoantikapitalistische Modellbildung drauf haben als die Linke.Die Heilsversprechen einer sharing economy und ihrer Utopie, wie auch ihre konterrevolutionäre Rolle verdeutlicht der südkoreansiche Philosoph Byung Chul- Han in einem Beitrag der SZ sehr gut:

Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution

Aus heutiger Sicht wirken die notwendigen Angaben wie Beruf, Schulabschluss oder Entfernung zum Arbeitsplatz fast lächerlich. Es war eine Zeit, in der man glaubte, dem Staat als Herrschaftsinstanz gegenüberzustehen, der den Bürgern gegen deren Willen Informationen entreißt. Diese Zeit ist längst vorbei. Heute entblößen wir uns aus freien Stücken. Es ist gerade diese gefühlte Freiheit, die Proteste unmöglich macht. Im Gegensatz zur Zeit der Volkszählung protestieren wir kaum gegen die Überwachung. Freie Selbstausleuchtung und -entblößung folgt derselben Effizienzlogik wie die freie Selbstausbeutung. Wogegen protestieren? Gegen sich selbst? Diese paradoxe Situation bringt die amerikanische Konzeptkünstlerin Jenny Holzer mit ihrem “truism” zum Ausdruck: “Protect me from what I want.”

Es ist wichtig, zwischen setzender und erhaltender Macht zu unterscheiden. Die systemerhaltende Macht nimmt heute eine smarte, freundliche Form an und macht sich dadurch unsichtbar und unangreifbar. Das unterworfene Subjekt ist sich hier nicht einmal seiner Unterworfenheit bewusst. Es wähnt sich in Freiheit. Diese Herrschaftstechnik neutralisiert den Widerstand auf eine sehr effektive Art und Weise. Die Herrschaft, die Freiheit unterdrückt und angreift, ist nicht stabil. Das neoliberale Regime ist deshalb so stabil, immunisiert sich gegen jeden Widerstand, weil es von der Freiheit Gebrauch macht, statt sie zu unterdrücken. Die Unterdrückung der Freiheit provoziert schnell Widerstand. Die Ausbeutung der Freiheit dagegen nicht.

Nach der Asienkrise war Südkorea gelähmt und geschockt. Da kam der IWF und gab den Koreanern Kredite. Dafür musste die Regierung die neoliberale Agenda gewaltsam gegen Proteste durchsetzen. Diese repressive Macht ist die setzende Macht, die häufig auf Gewalt zurückgreift. Aber diese setzende Macht unterscheidet sich von der systemerhaltenden Macht, die im neoliberalen Regime sich sogar als Freiheit gibt. Für Naomi Klein ist der gesellschaftliche Schockzustand nach Katastrophen wie der Finanzkrise in Südkorea oder Griechenland die Gelegenheit, die Gesellschaft gewaltsam einer radikalen Neuprogrammierung zu unterwerfen. Heute gibt es in Südkorea kaum Widerstände. Es herrscht dagegen ein großer Konformismus und Konsens mit Depression und Burn-out. Südkorea hat heute weltweit die höchste Suizidrate. Man wendet Gewalt gegen sich selbst an, statt die Gesellschaft verändern zu wollen. Die Aggression nach außen, die eine Revolution zur Folge hätte, weicht einer Selbstaggression.

Heute gibt es keine kooperierende, vernetzte Multitude, die sich zu einer globalen Protest- und Revolutionsmasse erheben würde. Vielmehr macht die Solitude des für sich isolierten, vereinzelten Selbst-Unternehmers die gegenwärtige Produktionsweise aus. Früher standen Unternehmen miteinander in Konkurrenz. Innerhalb des Unternehmens war dagegen eine Solidarität möglich. Heute konkurriert jeder mit jedem, auch innerhalb eines Unternehmens. Diese absolute Konkurrenz erhöht zwar die Produktivität enorm, aber sie zerstört Solidarität und Gemeinsinn. Aus erschöpften, depressiven, vereinzelten Individuen lässt sich keine Revolutionsmasse formen.

Man kann den Neoliberalismus nicht marxistisch erklären. In ihm findet nicht einmal die berühmte “Entfremdung” von der Arbeit statt. Heute stürzen wir uns mit Euphorie in die Arbeit bis zum Burn-out. Die erste Stufe des Burn-out-Syndroms ist eben die Euphorie. Burn-out und Revolution schließen sich aus. So ist es ein Irrtum zu glauben, dass die Multitude das parasitäre Empire abwirft und eine kommunistische Gesellschaft installiert.

Die Ökonomie des Teilens führt zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens

Wie steht es heute mit dem Kommunismus? Überall wird Sharing und Community beschworen. Die Sharing-Ökonomie soll die Ökonomie des Eigentums und des Besitzes ablösen. “Sharing is Caring”, “Teilen ist Heilen”, so heißt eine Maxime der “Circler” im neuen Roman von Dave Eggers, “The Circle”. Die Pflastersteine, die den Fußweg zur Firmenzentrale von Circle bilden, sind durchsetzt mit Sprüchen wie “Sucht Gemeinschaft” oder “Bringt euch ein”. Caring is Killing, sollte es aber eigentlich heißen. Auch die digitale Mitfahrzentrale “Wunder Car”, die jeden von uns zum Taxi-Fahrer macht, wirbt mit der Idee der Community. Es ist aber ein Irrtum zu glauben, dass die Sharing-Ökonomie, wie Jeremy Rifkin in seinem jüngsten Buch “Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft” behauptet, ein Ende des Kapitalismus, eine globale, gemeinschaftlich orientierte Gesellschaft einläutet, in der Teilen mehr Wert hätte als Besitzen. Im Gegenteil: Die Sharing-Ökonomie führt letzten Endes zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens.

Der von Jeremy Rifkin gefeierte Wechsel vom Besitz zum “Zugang” befreit uns nicht vom Kapitalismus. Wer kein Geld besitzt, hat eben auch keinen Zugang zum Sharing. Auch im Zeitalter des Zugangs leben wir weiterhin im “Bannoptikum”, in dem diejenigen, die kein Geld haben, ausgeschlossen bleiben. “Airbnb”, der Community Marktplatz, der jedes Zuhause in ein Hotel verwandelt, ökonomisiert sogar die Gastfreundschaft. Die Ideologie der Community oder der kollaborativen Commons führt zur Totalkapitalisierung der Gemeinschaft. Es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich. In einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung wird auch die Freundlichkeit kommerzialisiert. Man wird freundlich, um bessere Bewertungen zu erhalten. Auch mitten in der kollaborativen Ökonomie herrscht die harte Logik des Kapitalismus. Bei diesem schönen “Teilen” gibt paradoxerweise niemand etwas freiwillig ab. Der Kapitalismus vollendet sich in dem Moment, in dem er den Kommunismus als Ware verkauft. Der Kommunismus als Ware, das ist das Ende der Revolution.

http://www.sueddeutsche.de/politik/neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist-1.2110256

Byung Chul-Hans Statement, dass man den Neoliberalismus nicht marxistisch erklären könne, stimmt nur teilweise, da man den wirtschaftlichen Teil des Neoliberalismus durchaus marxistisch und sehr gut erklären kann, aber er verweist eher darauf, dass der heutige Marxismus der Linken sich vor allem auf Ökonomiestudium und nicht auf Produktivkraftentwicklung und deren gesellschaftliche, geopolitische und ideologischen Implikationen in bester Tradition der Frankfurter Schule mit ihrer Ideologiekritik erweitert, sondern dies getrennt, wenn überhaupt macht und kein holistisches, ganzheitliches Bild vom Kapitalismus, seinen Entwicklungen und Gesetzmäßigkeiten und seiner Kritik und daraus entstehenden Gegenmodellen entwirft, die man aber auch bei ihm vermisst.Byung vertritt da auch nur eine auf Hip gemachte postmoderne Schule des Dekonstruktivismus,der sich vor allem sehr liberal auf die Instrumentalisierung des Freiheits- und Transparenzbegriffs fokusiert und der die Möglichkeiten einer Revolution grundsätzlich infrage stellt, zugleich aber zum Widerstand aufruft.

Desweiteren: Die Erfahrungen, dass es meist auf der revolutionären Linken nur die Alternative zwischen Anarchismus und Kommunismus gab, also zwischen völliger Dezentralität und totalitärer Zentralistät, die auch die Ebenen der Ökonomie und der Politik gleichschaltete, zeigt eben, dass man sowohl eine neue Ökonomie braucht, wie auch ein anderes politisches System und zudem die Verbindung zwischen beiden Subsystemen mittels einer verbindlichen Ordnung oder Verfassung hergestellt werden muss. Nun hoffen einige, dass nach einer Revolution sich alles spontan aufgrund einer höheren Ratio selbstorganisieren würde, es keinen Staat,vielleicht noch eine Verwaltung und nicht einmal das, sondern sich eine totale, sich selbstdurchorganiserende Gesellschaft einstellen würde, während ich daran nicht glaube, sondern eher davon ausgehen, dass eine linke Gesellschaft mehrere Verfassungsentwürfe in die Breite diskutieren, vorschlagen würde, es also ein breiter Partizipationsprozess mit breiten gesellschaftlichen Erörterungen, Diskussionen, die um die besten Modelle streitet und nicht etwas  Aufokroytiertes wäre, zur Abstimmung vorlegen sollte, die eine Gewaltenteilung und eine mehr an Poppers offener Gesellschaft orientierte Gesellschaft zur Abstimmung haben solte. Das passt zum einen totalitären Freunden des Leninschen demokratischen Zentralisums gar nicht und das ist auch gut so,denn man muss eine klare Trennklinie zu ihnen aufmachen.  Nun werden da zwei Vorwürfe dagegen von der anderen, mehr anarchokommunistischen Seite erhoben: Zum einen, dass eine Verfassung totalitär sei und top-down. Wie gesagt: Man hätte da schon einige Vorschläge, die aber abänderbar, diskutierbar und auch abstimmbar wären. Dagegen möchte ich zudem argumentieren, dass eine Verfassung halt die klaren politischen und ökonomischen Kompetenzen der Arbeiter- und sonstigen Vertretungen und ihrer Verbindung zu einem neuen Wirtschaftssystem festlegt, es also keine Willkür gibt, sondern eben eine Rule of Law.Zum zweiten ist mir dieser sich selbstorganisierende Begriff von Gesellschaft zu schwammig. Er setzt vorraus, dass es eine Art Schwarmintelligenz gebe, die alles nach einem höheren Prinzip der Vernunft aus sich selbst heraus selbstorganisieren würde. Die anarchistischen Selbstverwaltungsversuche der Geschichte, die sich niemals zuvor Gedanken über eine Verfassung gemacht hatten, sondern alles dem freien Spiel des Chaos und der freien Kräfte überantwortet, die bestenfalls noch einige lokale Genossenschaften und Kooperativen mit Basisdemokratie wie Hippies vielleicht bei ihren Landkommunen hervorbrachten,sprechen da klar dagegen, wie eben auch die dann totalitären Gegenplanungen des Leninismus und Stalinismus, die schon ihre Verfassungen im Gepäck hatten, aber gar nicht zur Diskussion oder gar Abstimmung stellten und in die Lücke des libartärkommunistischen Chaos der Anarchisten dann ihre totalitären Regime durchsetzen konnten und zumeist die anarchistisch-kommunistischen Leute bekämpften und umbrachten, da sie spätestens seit Kronstadt nicht ins zentralistische Staatszentralwirtschaftskonzept reinpassten, wie auch alle Bürger und sonstigen Reaktionäre. . Nur als Beispiel die Räterepublik in München, bei der ein Anarchoökonom als Silvio Gesell und zentralistische Enteigentümer leninistischer Provienz mit Anweisung Lenins gegeneinanderarbeiteten und für das totale Chaos sorgten oder im Spanischen Bürgerkrieg die Auseinandersetzung zwischen anarchistischer POUM und den Stalinisten.Beide Extreme der völligen Planlosigkeit und der Hoffnung auf Selbstorganisation, wie auch der völligen zentralistischen Planung mit aufoktroyiertem System und Verfassung sollte man als geschichtliche Lehre eben vermeiden.Wenn man eine Revolution machen wollte, sollte man verschiedene Verfassungsentwürfe zur Wahl stellen,diese und Alternativen dazu breit diskutieren und die revolutionären Massen darüber abstimmen lassen.Auch sollten diese Verfassungen so beschaffen sein, dass sie eben Gewaltenteilung und andere normale Freiheiten und Minderheitenschutz als selbstverständlich voraussetzen und mindestens so liberal sind wie bürgerlich-kapitalistische Demokratien.Churchills Diktum, dass die kapitalistisch-bürgerliche Demokratie das kleinste aller sonstigen Übel sei und sich daher historisch als einziges funktionsfähiges, humanes System herausgestellt hat, woraus ja dann Fukuyama das welthistorische “Ende der Geschichte”, also den totalen Sieg der bürgerlich-kapitalisischen Demokratie verkündete, müsste eben nicht durch nostalgisch anarchisch- oder zentralistisch-kommunistische Systeme entgegengearbeitet werden, sondern durch ein System, dass keine Regression ist, sondern ein besseres Übel hervorbringt, eben einen Globalismus oder Liberalkommunismus.Churcill wie Fukuyama wie auch alle liberal-bürgerlich-kapitalistischen Apologeten übersehen eben in ihrer Logik, dass der Kapitalismus ein systemimmanentes Krisensystem ist, zumal nationalstaatliche Konkurrenz kennt und deswegen nach Zeiten des Aufschwungs immer wieder in Krisen oder eben “säkulare Stagnation”, wenn nicht gleich Weltfinanz- und wirtschaftskrisen zwangsläufig eintritt, die den liberal-bürgerlichen Charakter des Systems eben immer wieder durch autoritäre, wenn nicht gar faschistische Bewegungen und erhöhten Konflikten zwischen den Nationalstaaten, bestenfalls zum Handelskrieg, schlechtestenfalls zum Krieg oder gar Weltkrieg eskalieren lässt.Von daher ist Churchills Statements die Betraschtung eines statischen Charakters des bürgerlich-kapitalistiusch-demokratischen Systems, das aber aufgrund seiner Politökonomie diese Stabilität niemals länger haben kann und daher systemaffimierend total verharmlosend ist.

Desweiteren sollte man eine grundlegende Kritik des Nationalstaats bringen hin zu einer Diskussion zu mehr internationaler Kooperation, globalen Institutionen, ja auch eines Weltstaats, eines Weltsowjets oder zumindestens grösseren Einheiten, da alle Linke sich im Nationalstaat eingebürgert haben und keine grössere Weltvision mehr haben.Die Geschichte des Kommunismus des 20. Jahrhunderts war vor allem eine Geschichte der Nationalkommunismen und hat ihren letzten tragischen Ausläufer heute noch in Nordkorea.

Bisher ist die Linke in Sachen Diskussion um die Produktivkraftentwicklung und ihre Implikationen, die Diskussion eines neuen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, sowie linken Verfassungen als auch der Perspektive einer Transzendierung über den Nationalstaat hinaus ein einziges totes Biotop und hat daher auch keine Ausstrahlungskraft. Das gilt es zu ändern. Vielleicht ist die neue Vision der Linken: Globalismus oder internationalistischer Liberalkommunismus- in Abgrenzung zu den anarchistischen, libertärkommunitischen Schwarmintelligenzvorstellungen einer sich selbstorganisierenden Gesellschaft, die nur im Chaos und neuem Leviathan endet  oder stalinistischen Zentralstaatstotalitarismen und zumal mit internationalistischer Ausrichtung im Gegensatz zum bisherigen Nationalkommunismus und seinem “Sozialsmus in einem Land”. Ebenso stellt sich die Frage, inwieweit sich ein solcher Liberalkommunismus ökonomisch und politisch von der reformitischen Sozialdemokratie unterscheidet. Der Weltmarkt und die Globalisierung treiben auf eine internationale Arbeitsteilung der Produktivkräfte und eben auf eine internationale Organisation in Form eines Globalismus hin.

 

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Grundlegendere Gerdanken zum Globalismus:

 

Manifest des Globalismus (Teil 1)

http://www.global-review.info/2015/09/18/identitat-globaliserung-und-ich-bin-malala/

Manifest des Globalismus (Teil 2)

http://www.global-review.info/2015/12/22/manifest-des-globalismus-gegen-kapitaklismus-kommunismus-und-nationalstaatenkonkurrenz-teil-2/

 

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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