Die Legende vom demokratischen Lenin und Trotzki–der böse Stalin

Innerhalb der Linken hält sich hartnäckig die Legende, dass der Kommunismus in der Sowjetunion eigentlich ein arbeiterräterisches-volldemokratisches System sein wollte, aber dann aufgrund der Invasion von 22 ausländischen und imperialistischen Truppen und der Bürgerkriegsvernichtung ein undemokratisches System wurde, das dann unter Stalin seine Hochzeit erlebte.Es wird das Bild gezeichnet von einer rätedemokratischen Gesellschaft, die erst während der Wirren des Bürgerkriegs und dann mit Stalin undemokratisch geworden sei. Auch wird der Begriff „demokratischer Zentralismus“ als Beweis für eine Sowjetdemokratie gesehen, ist er aber doch nur der Euphemismus für eine Parteidiktatur, bei der die Partei und das Politbüro und der oberste Führer Befehle durchstellen, man zu gehorchen und die Partei immer recht hat.Fakt ist, dass sowohl Lenin wie auch Trotzki eine Monopolpartei wollten, die die Wirtschaft und die ganze Gesellschaft unter die Führung der KPdSU wollte.Dies fing damit an, dass man den Zaren und seine Familie erschoss. Nun sagen viele Protagonisten des Leninismus, dass man die adelsgeschlechtliche Blutlinie ausrotten musste wie bei der Franzöischen Revolution, um dieses semifeudalitische Leibeigentumssystem des Zarismus für alle Zeiten auszurotten. Da als Gegenbeispiel Mao, der den letzten Kaiser von China, Puyi nicht umbringen liess, noch seine Familie, sondern diese verhaftete, umerziehen liess und für die eigene Propaganda der Veränderbarkeit des Menschen einspante.

Dann der Kronstädter Aufstand, als Lenin die Anarchisten niederschiessen liess-mit Trotzkis Zustimmung. Sozialrevolutionäre, Sozialdemokarten, Liberale, sonstige Verbündete wurden systematisch ausgerottet, die gesamte linke Opposition–es blieb nur die kommunistische Partei. Dann kam es eben zu der Machtübernahme Stalins, der dann innerhalb der kommunistischen Partei mit Trotzkisanhängern so aufräumte, wie dies Trotzki mit Stalinanhängern und anderen Oppositionellen ebenso getan hätte. Es gab schon den wesentlichen Unterschiede zwischen Trotzki, der eine Weltrevolution wollte und Stalin, der einen „Sozialismus in einem Land“wollte, aber in der Einparteienherrschaft, der absoluten Ausschaltung aller Opposition mit terroritischen Mitteln waren sie sich einig. Das Gulagsystem wurde schon unter Lenin errichtet und unter Trotzki und Stalin weiter ausgebaut.Trotzki war auch ein Befürworter–wie er es nannte-des „roten Terrors“ genauso wie Lenin und Stalin.In diesem Punkt unterschieden sie sich überhaupt nicht, auch wenn Trotzki dann selbst Opfer seines eigenen roten Terrors wurde, den er selbst propagierte. Das macht ihn aber eben weniger zum Opfer, sondern zum Täter, der sich halt nur verkalkuliert hat.

Erst als die Revolutionen im Ausland ausblieben, kam es zur Differenz zwischen Trotzki und Stalin. Trotzki wollte immer noch eine proletarische Weltrevolution, die sich aber wegen ausbleibender ausländischer Revolutionserfolge nicht einstellte, während Stalin dann umschaltete und die Revolution im eigenen Land, dem „Sozialismus in einem Land“durchsetzen wollte. Während Trozki in einer Phasse der Defensive immer noch eine Weltoffensive vertrat, setzte sich Stalins Kurs durch, die Revolution im eigenen Land zu erhalten und da auch diplomatisch-außenpolitische Manöver, die die Weltrevolution zugunsten Bündnissen mit bürgerlichen Kräften stärken sollte, zu vollführen. Dies sahen viele Sowjetkommunisten genauso, weswegen sie Trotzki absetzten und Stalin den Weg freimachten.Stalin einmal an der Macht, machte das , was Trotzki genauso gemacht hätte: Die Opposition ausrotten. Es kam zu den Schauprozessen, Stalin eliminierte den Großteil der innerparteilichen Opposition und des sowjetischen Militärs, das Trotzkis als Gründer der Roten Armee aufgebaut hatte, was wiederum Hitler in die Hände spielte, da die Sowjetarmee ihrer wesentlichen Kader beraubt wurde. Aber auch die unter Stalin weiterexistierende Sowjetarmee war noch so funktionsfähig, dass sie die Hitlerwehrmacht bis nach Berlin zurückdrängen konnte.

Desweiteren wird es so dargestellt, dass Stalin der Kulakenmörder war, der er auch war, aber Trotzki kritisierte Stalins Kollektivierung dahingehend, dass sie ihm nicht radikal genug war.Liest man Trotzkis Memorien und sein Buch „Die verratene Revlution“ so schildert er sich als einen Kommunisten, der eine basisdemokratische Sowjetrepublik, die die Weltrevolution mittels ebenso basisdemokratischen Mitteln durchsetzen wollte. Den Aufstieg des Stalinismus erzählt er so, dass die Revolution in einem rückständigen Land erfolgte, dass der Bürgerkrieg und die Rückständigkeit einen Sozialismus, geschweige denn Kommunismus völlig unmöglich gemacht hätten und daher die Stalinische „Bürokratie“ und „neue Klasse“ sich etabliert hätte.

Das ist natürlich eine ziemliche Märchengeschichte. Denn die Diktatur des Prolertariats, die Monopolstellung der Partei,die Gründung der Tscheka und weiterer Geheimdienste,  die Nichtzulassung von Fraktionen innerhalb der Partei, die Planwirtschaft,die Liquidierung von linken Oppositionellen wie auch bürgerlichen Menschen und Kulaken, den Bau von Gulags,etc,. hatte Trotzki und Lenin genauso drauf .Dass er von Stalin  ermordet wurde, verleiht Trotzki eine gewisse Märtyrer-und Opferrolle, die sein gesamtes totalitäres und autoritäres Wirken und Selbstverständis zum Heiligenbild eines kommunistischen Basisdemokraten verzerren . An Trotzki wie auch Lenin ist vor allem das Ideal der bedingungslosen Internationalismus und die Perspektive eines Weltsowjets, ja eines Weltstaats, der die Nationastaatenkonkurrenz überwindet, interessant, die ihn mit den Jesuiten und deren Hoffnung auf einen katholischen Weltstaat gleichstellt.. Aber sowohl Lenin wie auch Trotzki waren totalitäre Kommunisten, die einen für die Idee eines Liberalkommunismus oder einer internationalitischen Sozialdemokratie sofort in einen Gulag geworfen oder liquidieren hätten lassen.Wer die Barbarei des Kommunismus nur auf Stalin reduzieren will, verkennt den Totalitarismus, der von Lenin und Trotzki selbst ausging.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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