Habermas, die „Dethematisierung Europas“ und die AfD

Der Brexitschock währte nicht lange. War in den unmittelbaren Tagen danach von einem „Weckruf für Europa“die Rede, wurde eine Renaissance des Europagedanken“ gefordert, wurde die Gefahr eines Endes der EU und auch Europas an die Wand gemalt, dem man sich entschlossen entgegenstellen müsse, so ist davon inzwischen nichts mehr zu merken. Weder organisieren die politischen Parteien, mit Ausnahme der AfD, politische Veranstaltungen dazu, noch wird der in Brüssel, Straßburg, Berlin und München alljährliche Europatag verbreitert, auch in den Medien liest man kaum etwas dazu und im schon anlaufenden Bundestagswahlkampf ist davon auch nichts zu sehen. Solange nicht wieder die nächste Eurokrise eintritt oder ein weiteres Mitglied austritt, scheint eher stures Schweigen zu dem Thema verordnet.Inzwischen ist  da  einer ganz schön verzweifelt mit der GroKO und Merkel. Jürgen Habermas wirft ihr die „Dethematisierung Europas“vor und wünscht nun der AfD Erfolg. Nur durch deren Erstarken könne die fehlende europapolitische Debatte überhaupt noch in Gang kommen:

„Habermas wünscht der AfD Erfolg

Jürgen Habermas wirft einen traurigen Blick auf Europa. „Merkelfromme“ Medien bestärkten die Parteien, das „heiße Eisen“ der Europapolitik nicht anzufassen, so der Philosoph. Anders die Alternative für Deutschland. Eine Auslese.

Habermas ist begeistert von Wolfgang Streecks im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch „Gekaufte Zeit – Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“. In der neuen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik schreibt Jürgen Habermas unter der Überschrift „Demokratie oder Kapitalismus?“, Streecks Argumentation aufnehmend: „Unter den besonderen Bedingungen der Europäischen Währungsunion unterwirft die Politik der fiskalischen Konsolidierung alle Mitgliedstaaten, ungeachtet der Unterschiede im Entwicklungsstand ihrer Ökonomien, den gleichen Regeln und konzentriert, in der Absicht der Durchsetzung dieser Regeln, Eingriffs- und Kontrollrechte auf der europäischen Ebene. Ohne eine gleichzeitige Stärkung des Europäischen Parlaments befestigt diese Bündelung von Kompetenzen bei Rat und Kommission die Entkoppelung der nationalen Öffentlichkeiten und Parlamente von dem abgehobenen, technokratisch verselbstständigten Konzert der markthörigen Regierungen.“

Merkels clever-böses Spiel

Wolfgang Streeck hält den übernationalen Ausweg, die politische Union Europas für nicht gangbar. Jürgen Habermas hält den Bundesstaat auch für das falsche Modell. Er plädiert aber dennoch für ein supranationales Modell, ein freilich „überstaatliches, demokratisches Gemeinwesen, das ein gemeinsames Regieren erlaubt. Darin werden alle politischen Entscheidungen von den Bürgern in ihrer doppelten Rolle als europäische Bürger einerseits und als Bürger ihres jeweiligen nationalen Mitgliedsstaates andererseits legitimiert. In einer solchen, von einem ‚Superstaat‘ klar zu unterscheidenden Politischen Union würden die Mitgliedstaaten als Garanten des in ihnen verkörperten Niveaus von Recht und Freiheit eine, im Vergleich zu den subnationalen Gliedern eines Bundesstaates, sehr starke Stellung behalten.“

Jürgen Habermas plädiert dafür, dass die proeuropäischen Parteien den fiskalischen Konsolidierungskonsens aufbrechen, sich nicht mehr in Geber- und Nehmerländer spalten lassen, sondern stattdessen „länderübergreifend zu Kampagnen gegen diese Umfälschung von sozialen in nationale Fragen zusammenfinden“.

Er beendet seinen Artikel mit den provokativen Sätzen: „In der Bundesrepublik bestärkt eine unsäglich merkelfromme Medienlandschaft alle Beteiligten darin, das heiße Eisen der Europapolitik im Wahlkampf nicht anzufassen und Merkels clever-böses Spiel der Dethematisierung mitzuspielen. Daher ist der ‚Alternative für Deutschland‘ Erfolg zu wünschen. Ich hoffe, dass es ihr gelingt, die anderen Parteien zu nötigen, ihre europapolitischen Tarnkappen abzustreifen. Dann könnte sich nach der Bundestagswahl die Chance ergeben, dass sich für den fälligen ersten Schritt eine ‚ganz große‘ Koalition abzeichnet.““

http://www.fr-online.de/meinung/europapolitik-habermas-wuenscht-der-afd-erfolg,1472602,22695188.html

 

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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