Kapitalistische Leitkultur als die eigentliche Leitkultur

Zur Leitkultur und ob diese eine christlich-abendländische oder judeo-christliche sei, hat ein Kommentator jetzt gemeint, wir hätten eine kapitalistische Leitkultur:

„90% aller Prägung hier und heute ist kapitalistische Prägung. Krass materialistisch, säkular, hedonistisch, individualistisch-egoistisch, spirituell gleichgültig, geldgeil – und gleichmacherisch in fast allem, was NICHT mit dem Geld zusammenhängt.Prägende Faktoren gibt es viele. Wieso den Faktor Christentum hervorheben? Ich finde, dass der Kapitalismus sehr viel prägender ist für so ziemlich alles in unserem deutschen Leben als das Christentum. Wir haben zuallererst ein kapitalistisches Wertefundament.

Beherrschen Kirchen das Straßenbild oder städtebauliche Bild ?  Geschäfte prägen die Städte, Konsumtempel sozusagen. Bürohäuser, Bankentürme, Shoppingmals und dergleichen. Funktionsbauten. Straßen mit Unmengen von Autos, fahrenden und parkenden.“

Tatsache ist doch, dass der Kapitalismus inzwischen global ist und allerortens im Überbau auch eine kapitalistische Leitkultur hervorbringt, die vielleicht ein wenig durch die verschiedenen Kulturen, mehr aber durch die Politik Modifikationen hervorbringt und bei einer Überglobalisierung eben einen kulturell verbrämten Backlash zeitigt.Dabei wird Kapitalismuskritik in Kulturkritik naturalisiert und wird die ganze Angelegenheit dann ethnopluralistisch und völkisch.

Die Frage ist auch, inwieweit nicht der ökonomische Unterbau die gesellschaftlichen Verhältnisse uind eine Kultur und die Partner- und Ehebeziehungen prägt oder verändert.Man sollte da auch die ökonomischen Entwicklungsstufen von der Agrar- zur Industrie- zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft sehen, sowie auch die unterschiedlichen ökonomischen Gesellschaftssysteme beachten. Denn die Agrargesellschaft des europäischen Mittelalters dürfte in Partnerschaftswahl der andererer heutigen Agrargesellschaften sehr ähnlich sein.

Wenn wir es also mit Mneschen aus einem konfuzianischen Kulturkreis zu tun haben, so unterscheidet sich doch der Chinese der agraischen Kaiserzeit sehr von seinem modernen Repräsäntanten des neuen witrschaftsstarken, industriellen Chinas–und Konfuzianismus, der einst als das Entwicklungshemmnis galt, giilt heute wiederum als der Erklärungsfaktor für den wirtschaftlichen Erfolkg, obgleich es eigentlich mehr an der Wirtschaftspolitik liegt. Auch ist Konfuzianismus nicht per se Autoritarismus, wie die südkoreanische oder taiwanesische Demokratrie zeigt.Wenn man heute Probleme mit Migranten aus dem muslimischen Kulturkries hat, so hängt dies z.B. damit zusammen, dass sie zumeist aus feudalistischen, vorindustriellen Verhältnissen einer Agrargesellschaft wie in Afghanistan kommen und sich der Kabuler Afghane der Oberschicht auch noch mal bildungs- und einkommensmäßig stark vom Bauern des fernen Landes oder des Oberschichtenwarlords oder Stammesführers unterscheidet, die wiederum mit syrischen Mittelklasslern im säkularen Assadsyriens wenig gemein haben.

Die Relgionen sind zumeist noch Überbleibsel der Agrargesellschaft, die aber kulturell wirkungsmächtig bleiben, vor allem wenn der säkulare Staat keine demokratische und wirtschaftliche Modernisierung gebracht hat, kommt es zu einem nationalistisch, oft auch religiösen Backlash, wobei im Islam da auf die alte Grösse der Reiche Muhammeds und der Osmanen sich zurückbesonnen wird.Es ist aber oft hart zu sagen, ob  z.B. das Machoverhalten vieler Südländer nun noch den Agrargesellschaften oder der Religion entspringt–oft verstärken ja beide Faktoren einander und ist das Machoverhalten auch noch in moderneren Gesellschaften des muslimischen Kulturkreises anzutreffen, wirken diese Verhaltensweisen nach und können auch wiederbelebt werden.

Friedrich Engels hat ja mal die Entwicklung der Familienstrukturen in Anbhängigkeit von den Produktionsverhältnissen dargestellt in seinem „Vom Ursprung der Familie“ und die tendenzielle Auflsöung der Großfamilie zur Kleinfamilie (und heute zu Singlehaushalten) infolge des Kapitalismus gezeigt, wobei sich folglich auch die Kultur ändert.Kultur ist aber nicht unveränderbar, sondern wird infolge der ökonomischen, technologischen und politischen Umwälzungen immer wieder verändert, nicht nur durch andere kuilturelle Einflüsse und durch Migration, sondern auch aus sich heraus.

Wohl wahr, wenngleich die Frage ist, ob die meisten Deutschen diese kapitalistische Leitkultur mittragen, denn Kapitalismuskritik ist ja allerortens zu finden, Globalisierungskritik auch, viele beschweren sich über die Symptome des Kapitalismus von sozialer Ungerechtigkeit, Reichtumspolarisierung, Finanzkrisen, steigenden Mieten, etc. Sind diese Leute dann nicht integriert oder nicht integrationswillig? Aber zumeist sind die meisten Leute der Ansicht, dass der Kapitalismus gegenüber der kommunistischen Planwirtschaft das bessere System ist, wenngleich sie da viele Sündenfälle des Kapitalismus sehen, den sie dann doch lieber als Marktwirtschaft oder soziale Marktwirtschaft hätten.

Wobei Marktradikalen und Sozialdarwinisten selbst der anglosächsische Kapitalismus noch zu moderat ist, während sie den rheinischen Kapitalismus als sozialistisch und semikommunistisch betrachten. Auch sieht die deutsche Verfassung eine soziale Marktwirtschaft vor–sind die Marktradikalen dann Verfassungsfeinde, die gegen die deutsche Leitkultur verstossen und nicht integrationswillig sind? Auch ist interessant, dass Globalisierungskritiker immer behaupten, dass die Armut weltweit zugenommen hätte, obgleich das Gegenteil der Fall ist und die meisten Deutschen diese antikapitalistische Einstellung teilen:

“92 Prozent der Deutschen nehmen an, die Armut auf der Welt sei gleich geblieben oder angestiegen, 7 Prozent gehen von einer Abnahme um ein Viertel aus, teilte die Nichtregierungsorganisation Oxfam am Donnerstag mit. Dabei sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache: 1990, das ist das Referenzjahr der Vereinten Nationen, lebten 1,926 Milliarden Menschen auf der Welt in extremer Armut. Sie hatten also weniger als 1,25 Dollar am Tag zum Leben. Im Jahr 2015 waren es nur noch 836 Millionen Menschen.”

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/wo-die-armut-in-der-welt-verschwunden-ist-14449204.html

Die Frage also, inwieweit die Kapitalismuskritik nicht schon zur postfaktischen Demokratie gehört, die sich weniger an Fakten, sondern an Wahrnehmungen und Gefühlen orientiert als an der objektiven Realität, obgleich Realität ja auch ist, dass der Kapitalismus eben systemimmanente Wirtschafts- und Finanzkrisen hat, die seine Apologeten gerne als Betriebsunfälle, multifaktorielle Zufälle interpretieren und ursächlich auf zuviel oder zu wenig staatliche, bzw. vermeintlich sozialistische Regulierung zurückführen wollen.

Zumal der Kapitalismus ja auch ein multikultaristischer und internationalistischer Gleichmacher ist, das Kapital nicht zwischen national und international, nach Hautfarbe, Religion, Rasse, Geschlecht unterscheidet, sondern nur nach Profit und Profitmaximierung strebt und höchstens beim Geld und Faktorpreisen die Unterscheidung macht.Deswegen sehen auch rechte Nationalisten in den bestehenden Parteien nur Leute, die dem Kapital dienen und ihre Antwort darauf, soll die Wiederherstellung der nationalen Souveränität und Unterordnung des Kapitals, wie aber auch der gesamten Bevölkerung auf einen sich abschottenden Nationalismus sein.

Aber der Kapitalismus durchdringt nicht nur die bisher als rein ökonomische betrachtete Sphäre, sondern alle Lebensbereichen, ebenso den Überbau, macht alles zur Ware von den zwischenmenschlichen Beziehungen, den gesellschaftlichen Organisationsformen, den Identitäten, der bisher staatlichen oder familiären Daseinsvorsorge, versucht aus allem ein Objekt eines Geschäftsmodells und der Profitmaximierung zu machen-vom Altenheim statt der familiären Alterversorgung, zum Sexualobjekt in der Werbung oder in Bordellen, von der Partnerschaftsbörse bis zur privatisierten Wasserversorgung oder Wohnungsbau, der Architektur, der Städteplanung, der Verkehrsplanung, dem Kultur- und Unterhaltungssektor. der Freizeitgestaltung und allen Feldern der Reproduktion–dadurch entwickelt sich eine kapitalistische Kultur über die eng definierten materiellen Tauschobjekte hinaus, die alles zur Warenbeziehung macht–vom Mensch zum Tier zur Natur zur Kultur–alles wird zur Warenbeziehung und Feld der Expropriation. Deswegen hat Marx auch sein Kapital mit der Analyse der Ware begonnen und ihr eine derart zentrale Bedeutung eingeräumt. In den Sozialwissenschaften lernt man die 3 Staatsgewalten und vielleicht noch die Medien als vierte Gewalt, die kapitalistische Ökonomie als fünfte Gewalt, die eigentlich die erste Gewalt ist, die kapitalistische Ökonomie wird aber wohlweislich bei der Gewaltenlehre der Politikwissenschaften, wie auch in den Kultur- und Geisteswissenschaften herausgehalten oder nur peripher erwähnt. Die staatlichen Gewalten und die Medien gelten da quasi hegelianisch und metaphysisch als Verkörperung des Weltgeists, der alles lenkt und unter Kontrolle hätte. Marx sprach zwar vom Staat als idealen Gesamtkapitalisten, stellte sein Wirken aber in den Rahmen der kapitalistischen Ökonomie. In der Umgangssprache jedoch hält sich die Volksweisheit: Geld regiert die Welt, die eben recht oberflächlich auf diesen Zusammenhang hinweist und auch über die rein staatliche und eng definierte ökonomische Ebene hinausweist.

Auch eine gute Frage: Was würde passieren, wenn die CSU in ihr Papier geschrieben hätte, dass Deutschland eine kapitalistische Leitkultur und man sich da zu integrieren habe? Oder würde jeder, der dies nicht teilt als integrationsunwilliger Kommunist geoutet? Ob die Forderung nach der Anerkennung einer kapitalistische Leitkultur auf allgemeine Zustimmung stossen würde? Oder würden viele sagen, dass die soziale Marktwirtschaft im Gegensatz zur anglosächsischen Leitkultur zur deutschen Leitkultur gehöre, dann aber Marktradikale sich ausgegrenzt fühlen könnten?

Der Arbeitsethos als konstitutives Element deutscher Leitkultur von Herfried Münkler in seinem Buch „Die neuen Deutschen“ geht ja etwas in die Richtung von kapitalistischer Leitkultur, auch wenn er die protestantische Arbeitsethik Max Webers, die die Vorraussetzungen für den Kapitalismus schafft als Ethos verschleiert.

Die Frage ist, ob eine kapitalistische Leitkultur so konsensfähig ist, zumal hier eben auch Marktradikale und Sozialdarwinisten sich bezüglich der sozialen Marktwirtschaft offen positionieren müssten–das wollen sie aber vielleicht vermeiden und sind ganz froh, dass die Leitkulturdebatte nur um Gleichberechtigung der Frau, Pluralismus und Trennung von Staat und Religion geht, mit dem Islam als identitätsstiftender Gegenüberstellung der eigenen Leitkultur, die man mal säkular, mal judeo-christlich, mal christlich-abendländisch definiert, aber eben nicht als kapitalistische Leitkultur. Wobei eben auch die Frage wäre, inwieweit der Islam überhaupt kapitalismuskompatibel ist, wie Max Weber dies auch schon in seiner Rekigionssoziologie gegenüber dem Konfuzianismus, Hinduismus und Buddhismus tat, aber eben nur wie Hegel den protestantischen Preußenstaat als Verkörperung und Avangardist des Weltgeistes den Protentantismus und seinen Arbeitsethos sowie den Calvinismus als Verkörperung des Kapitalismus sah. Zumal die neue Religion auch der Kapitalismus ist. Aber gerade durch die jetzige Art der Leitkulturdebatte können Marktradikale und Kapitalismusbefürworter  Gemeinsamkeiten mit Kapitalismuskritikern erzielen, in dem man den ökonomischen Unterbau der kulturellen Debatte einfach ausklammert und ausblendet.

Wobei eine kapitalistische Leitkulturdebatte noch zwischen der deskriptiven und der normativen Ebene unterscheiden müsste. Zum einen die Beschreibung der kapitalistischen Leitkultur, zum anderen wie man sich solch eine kapitalistische Leitkultur und ihre Form vorstellen würde und als normgebend ansieht. Über die deskriptive Ebene könnte noch ein Konsens erzielt werden, bei der normativen Ebene wird dies wesentlich schwieriger, ja da würde es wahrscheinlich zu einem Kampf der Kulturen, vermeintlich überkommenen  Klassenkämpfen und einer Konfrontation kommen, weswegen man diese Leitkulturdebatte wie momentan eben allerortens bewusst vermeidet.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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