Eine neue Balkankrise?

von Ralf Ostner

In einem Szenariopapier hat schon die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) eine Balkankrise als möglich eingeschätzt, die durch das Erstarken des albanischen Nationalismus und daraus resultierenden ethnischen Spannungen und Gebietsansprüchen hervorgeht.

RFE/RL sieht ebenfalls eine neue Balkankrise aufziehen, zumal auch Russland die Lage destabilisieren will:

http://www.rferl.org/a/balkans-without-borders-worrying-signs-conflict-knezevic/28353760.html

Im ZEITonline-Interview ist EU-Erweiterungskommisar Hahn auch der Ansicht, dass schon ein Funken zum Ausbruch einer veritablen Balkankrise ausreichen würde: Die EU müsse nun Stabilität exportieren oder werde andernfalls Instabilität importieren, bevor es zu spät sei:

„Für den Westbalkan, aber auch auf die weitere südliche und östliche Nachbarschaft gilt: Entweder exportieren wir Stabilität, oder wir importieren Instabilität. Das gilt in besonderer Weise für den Westbalkan. Ich vergleiche das mit einer Pfanne voller Öl. Es reicht ein Streichholz – und alles steht in Flammen. Eine langfristige Befriedung der Region gibt es nur durch die EU-Perspektive.“

http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-02/johannes-hahn-kommissar-eu-erweiterung-westbalkanstaaten/komplettansicht

Mit der EU-Perspektive sieht es aber sehr mau aus, wie folgender Artikel zeigt:

Europas schwindender Einfluss auf dem Balkan

Russland, China und die Türkei verfolgen strategische Interessen- Brüssel wird nicht mehr ernst genommen-Rückzug der USA?

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini musste bei ihrer Balkantour in diesem Monat schmerzlich erfahren, wie wenig Brüssel inzwischen in Südosteuropa ernstgenommen wird.In Mazedonien ließ sie der Staatspräsident mit ihren Vorstellungen zur Krisenlösung abblitzen. In Serbien ging ihre Rede im Parlament in Buhrufen unter. Im Kosovo verschärften sich die Konflikte sofort nach ihrer Abreise, wo sie doch Ruhe und Lösungen bringen wollte. In Bosnien waren die tief zerstrittenen drei Staatspräsidenten nur bereit, den EU-Gast zu einem nichtssagenden protokollarischen Termin zu treffen.

Der Schwund des EU-Einflusses befeuert das massive Engagement Russlands, der Türkei und Chinas. Moskau versucht mit einer Propagandaoffensive, die Herzen der Menschen in den Balkanländern zu gewinnen. „Der Balkan hört nicht mehr auf Brüssel“, trompetete die staatliche Agentur „Sputnik“ vor wenigen Tragen. Die Überschrift lautet – noch mit einem Fragezeichen – „Osteuropa wendet sich Russland zu?“.

Aber auch die Türkei hat bereits einen Fuß in der Tür. Ihre Basis ist die muslimische Bevölkerung. In Bosnien-Herzegowina hat sie sich bereits durch den Wiederaufbau vieler kriegszerstörter Moscheen einen Namen gemacht. In Südserbien sind türkische Firmen bejubelte Investoren, vor allem im Textilsektor. China baut auch auf dem Balkan seit Jahren an der Wiederauferstehung der alten Seidenstraße mit Großinvestitionen in Autobahnen und Eisenbahnstrecken wie zwischen Belgrad und Budapest. Seit Kurzem mischen auch die arabischen Länder mit. Sie kaufen in großem Stil Grundstücke in Bosnien, bauen ein ganzes Stadtviertel in Belgrad oder haben das Sagen bei der serbischen Fluggesellschaft.

Die mit Abstand Aktivsten sind aber die Russen. Seit Tagen steht ihre staatlichen Sberbank beim jüngsten EU-Mitglied Kroatien im Zentrum des Wirtschaftskrimis um den überschuldeten größten Lebensmittel- und Handelskonzern Agrokor. Die Bank ist der größte Gläubiger und verfolgt neben wirtschaftlichen Interessen an diesem für die gesamte Balkanregion wichtigen Schlüsselunternehmen auch „geostrategische“ Ziele.Das meint die renommierte Zagreber Zeitung „Vecernji list“.

Russland stößt mit seiner immer heftigeren Propaganda in den Sprachen der Region offensichtlich in ein immer größeres Vakuum, das Brüssel hinterlässt. Da die EU mit sich selbst und mit den vielen Krisen in ihrer Umgebung beschäftigt ist, wird allen Anschein auch der Balkan mit seinen ungelösten Problemen nur noch verwaltet.“Es bleibt der bittere Eindruck und die Furcht, dass sich die EU und der Westen langsam von der Region wegdrehen, wenigstens solange sie nicht explodiert“, schreibt das Belgrader „Novi Magazin“ in seiner jüngsten Ausgabe.

Und das Machtvakkum könnte noch größer werden-durch einen Rückzug der USA unter ihrem neuen Präsidenten Donald Trump. Denn die meisten Kommentatoren in der Region gehen davon aus, dass das amerikanische Interesse unter Trump dramatisch nachlassen dürfte“.

(Münchner Merkur v. 22.3.2017, S.4)

Und die Foreign Affairs überlegt Balkankrisen dadurch zu vermeiden, dass man eine Neuaufteilung der Gebiete in ethnisch-homogene Entitäten schafft und ein Großkroatien, Großserbien und Großalbanien fördern solle.

„A radical new approach is therefore required that forges a durable peace by addressing the underlying source of instability in the Balkans: the mismatch of political and national boundaries. The two-decade experiment in multiethnicity has failed. If the West is to stay true to its long-standing goal of preserving peace in the Balkans, then the moment has come to put pragmatism before idealism and plan for a graduated transition to properly constituted nation-states whose populations can satisfy their most basic political interests.

Given the divisions in Europe, the United States needs to step up and take control of the process. In the short term, Washington should support the internal fragmentation of multiethnic states where minorities demand it—for example, by accepting the Albanians’ bid for the federalization of Macedonia and the Croats’ demand for a third entity in Bosnia. In the medium term, the United States should allow these various territories to form close political and economic links with their larger neighbors, such as allowing dual citizenship and establishing shared institutions, while formally remaining a part of their existing state.

In the final phase, these territories could break from their existing states and unite with their mother country, perhaps initially as autonomous regions. A Croat entity in Bosnia would merge with Croatia; Republika Srpska and the north of Kosovo with Serbia; and the Presevo Valley, western Macedonia, and most of Kosovo with Albania. Meanwhile, Montenegro, which may lose its small Albanian enclaves, could either stay independent or coalesce with an expanded Serbia. In pursuing this plan, the United States would not be breaking new ground but simply reviving the Wilsonian vision of a Europe comprising self-governing nations—but for the one part of the continent where this vision has never been applied.“

https://www.foreignaffairs.com/articles/bosnia-herzegovina/2016-12-20/dysfunction-balkans

James Jay Carafano vom American Enterprise Institute sieht den Balkan als wahrscheinliches Ziel Russlands, um Europa weiter zu destabilisieren. Da die Ukraine ein gefrorener Konflikt sei, die NATO sich Rußland im Baltikum und an der Ostfront entgegenstelle, Russland im Nahen Osten auf vermehrten US-Widerstand stosse und an seine Grenzen komme, sei der Balkan das schwache Glied in der Kette, das Russland als nächstes versuchen werde für seine geopolitische Expansion zu nutzen:

„The Balkans Will Be America and Russia’s Next (Virtual) Battlefield

Apr 10th, 2017

U.S. interest in the Balkans has waxed and waned. It is time for wax on.

The Balkans have been on America’s back burner since the end of the Clinton era. Investing some attention and exerting some influence on the region should be more than a second-tier item on the administration’s foreign policy agenda.

Few would argue that the peace and stability of western Europe shouldn’t be a vital interest of the United States. The greatest external threat to a stable Europe is Putin. The Balkans is a playground for bad actors—and likely will be an increasing priority for them. Stopping these misadventures before they spin out of control just makes sense.

In the Shadow of the Kremlin

Russia has meddled extensively in Europe, and Moscow’s attitude toward the United States has become “explicitly belligerent.” That said, Putin has limited opportunities for further provoking the West. That makes the Balkans a more likely target for Russian interference. (…)

Should Putin opt to follow the path of least resistance, then the Balkans look like his best bet. They contain a number of locations that he could turn into real trouble spots. Here are some of the top concerns:

• Standoff in Serbia-Croatia-Kosovo. Talk of a miniature arms race may be overblown, but there is no question that tensions have ] ratcheted up. Serbia recently announced that it would receive additional armed helicopters from Russia. Kosovo has been threatening to stand up its own military. And nearly five thousand NATO troops are parked in the middle of all of this.

• Messiness in Macedonia. Russian meddling, corruption, squabbling with Albania and a muddled U.S. response have made for a toxic cocktail. Moscow seems intent on using the unrest to pry the tiny nation away from the West.

• Battling in Bosnia-Herzegovina. A burgeoning separatist movement in the Republika Srpska threatens to rekindle divisions that have simmered since 1995 and the Dayton Peace Accord. Putin seems happy to pour gasoline on the smoldering ashes.

• Bad Stuff in the Black Sea. Putin would love to make the Black Sea a Russian lake. Period.

Time for America to Up Its Game

The United States must tamp down Russian meddling on many fronts. In several key areas, the new administration has already demonstrated its resolve to protect U.S. vital interests—including the defense of the transatlantic community. But the Balkans remain a soft spot in U.S. transatlantic policy. We need to be more proactive there—and sooner rather than later.

There are a number of places where the United States should step up. Rather than butting heads with Russia head-on, however, much of what America can and should do to squeeze Putin’s malignant efforts out of the equation ought to focus on the region itself rather than on the Kremlin’s misbehavior.

• Improving Governance and Reducing Corruption. The United States and the European Union might team up to energize efforts to build stronger, more democratic, effective and resilient public and private institutions in the region.

• Promoting Economic Freedom. No part of western Europe is in greater need of economic improvement. Several Balkan countries lag in key indicators of economic freedom. Policy reforms in those areas could unleash rapid economic growth.

• Combating Transnational Crime. Human trafficking, drug running, money laundering and other forms of organized, transnational crime are rampant in the Balkans. This activity is highly destabilizing and needs to be tackled.

• Preventing Transnational Terrorism. Islamist extremists have their eyes on the region as well. Italian police recently busted an Islamist terror cell that included at least one Kosovar. Several hundred individuals from the region have fought as jihadis in Iraq/Syria. Cooperating with the counterterrorism operations of Balkan countries should become routine.

• Promoting Regional Cooperation. The United States ought to encourage and promote the Adriatic Five initiative involving Albania, Croatia, Montenegro, Bosnia-Herzegovina and Macedonia. Such initiatives build trust, confidence and regional solidarity. This will diminish regional friction and help frustrate Russia’s divide-and-dominate strategy.

• Supporting Energy Diversification. The United States should support the Trans Adriatic Pipeline and other projects that help diversify European energy supplies and promote more liberal energy markets.

• Managing Refugee Movement and Migration. Uncontrolled mass migration poses a grave and potentially destabilizing threat to the region, as it does with Europe as a whole. The transatlantic community ought to work in partnership to address humanitarian concerns in the Middle East and to reduce destabilizing conflict and human-smuggling enterprises that feed the flow from south to north.

Between indifference and military intervention lies a constructive space where the United States could accomplish much with a modicum of effort. Taking steps within that space to impede Russian attempts to destabilize western Europe should be a higher U.S. priority.

This piece originally appeared in National Interest“

http://www.heritage.org/europe/commentary/the-balkans-will-be-america-and-russias-next-virtual-battlefield



Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.