G-20-Gipfel: Reaktionen aus der linken Szene zu den Gewalttaten

Den weitgehendst ablehnenden Reaktionen seitens der deutschen Bevölkerung und dem Großteil der Linken wird nun auf dem linken Nachrichtenportal Indymedia seitens eines Hamburger Altautonomens geantwortet. Zum einen stellt er alles als Reaktion auf eine Eskalationsstrategie der Polizei dar, geradeso, als sei „Welcome to hell“ nicht von vorneherein so konzipiert gewesen, mittels Gewalt „Feuer und Flamme für diesen Staat“ zu signalisieren. Wohl richtig, dass die Polizei da auch überreagierte, manchmal auch provozierte, aber Wasserwerfer wurden gegen Autonome auf 5 Meter hohen Baugerüsten unter anderem auch deswegen eingesetzt, da sie mit Steinplatten aus dieser Höhe auf die Staatsgewalt schmissen. So wird hier aber ein wenig Lieschen Unschuld zelebriert, die nie Böses im Schilde geführt habe und ein pazifistischer Pfadfinderverein sei.

Aber es gab auch neutralere, halb zustimmende Kommentare der Gewaltorgie wie der linke Blog „Genova“:

„Ich glaube, abgesehen von ein paar ehrlich entrüsteten Hausfrauen sind doch alle ganz froh über die Krawalle in Hamburg. Nicht, dass man von solchen Leuten regiert werden oder sich auch nur ernsthaft auf deren Politikverständnis einlassen möchte – aber in Zeiten, in denen der Ausfall von U-Bahnen, die ausfallen, weil Gelder gekürzt wurden, von einer Computerstimme als „Betriebsstörung“ bezeichnet wird, und sich diese Stimme im direkten Anschluss für das nicht eingeholte Verständnis bedankt – in solchen Zeiten ist es doch erfrischend, wenn eine Horde aktiver Menschen daherkommt und irgendwas ganz real kaputt macht. Ich schätze, dass eine Mehrheit der Bevölkerung diese Gewalt gegen das Scheißsystem insgeheim ganz ok findet, auch wenn man das konkret angesichts der Bilder nicht begründen kann. Wer nicht einmal den Arsch in der Hose hat, eine wegen Finanzkürzung ausgefallene U-Bahn als solche zu bezeichnen, sollte eine aufs Maul kriegen. Da sind sich alle einig.

Davon abgesehen: In Zeiten, in denen man permanent dazu aufgefordert wird, sich irgendwas zu „holen“, sind diese Autonomen ganz systemaffine Bürger, die tun, was man von ihnen verlangt.

Dieses Amateurfilmchen vermittelt einen ganz guten Eindruck von den taffen Jungs, die die Welt retten wollen:

http://www.spiegel.de/video/embedurl/video-1780898-640_000_fff.html

Ästhetisch gelungen, keine Frage. Warum sollte man auf solche Bilder verzichten? Diese Leute haben sich vorbereitet, der Dresscode stimmt und sie geben sich Mühe. Sie könnten auch am Ballermann Sangria aus Eimern saufen, aber wir leben nun mal in einer pluralen Gesellschaft, das gilt ebenfalls für die Freizeitbeschäftigung. Diese Leute sind einem grundsätzlich sympathisch, weil sie etwas tun und sich links einschätzen, also auf der richtigen Seite stehen. Man kann ihnen nicht böse sein. Im übrigen hätte das Ganze einen wesentlich effektiveren Verlauf nehmen können, wenn die griechischen Autonomen ihre Reise nach Hamburg nicht wegen Geldmangel abgesagt hätten. Ich dachte mir beim Anschauen der Hamburger Bilder, dass der Widerstand hierzulande in den Kinderschuhen steckt: Keine Gasmasken, keine Motorradhelme, keine entschlossene Vorgehensweise: Man akzeptiert, dass der Gegner um Längen besser ausgestattet ist. Undenkbar in Athen. Dort kriegt auch die mitlaufende Oma einen Schutz gegen Tränengas vor den Mund geklemmt.

Analog zur eingesparten U-Bahn kann man die Berichterstattung von illustren Sendern wie N24 analysieren. Schaut man sich diese sogenannten Journalisten an, deren Gestik beim Bericht über eine Demo der beim Wetterbericht ähnelt (man schiebt das Tief mit ausholenden Armen aus dem Bild), bedauert man spontan, dass die Autonomen sich für Rewe statt für N24 entschieden haben.

Solche Ereignisse wie die Ausschreitungen, wie man sagt, in Hamburg, sind gewissermaßen ein Computerspiel, das hin und wieder in die Realität verlagert wird. G20 ist ein guter Anlass. Die Bullen freuen sich wohl genauso, dass sie mal komplett über die Stränge schlagen (sic) dürfen, ohne dass das irgendwelche Folgen hat. Merkel hat sich für dieses Verhalten erwartungsgemäß bedankt. Am Montag stehen sie schon wieder auf den Straßen und müssen die Sicherheitsausstattung von Radfahrern kontrollieren, die armen Schweine.

Der Unterschied zum Computerspiel ist das konkret Topographische: Die Autonomen wollten zur Elbphilarmonie vordringen, wo die Bonzen gerade einem Konzert lauschten. Es wäre sicher ein interessantes Aufeinandertreffen geworden. Politiker und Bürger im Gespräch. Man würde es Typen wie Merkel und Co. wünschen.

Die Journalisten freuen sich auch spürbar wie Bolle. Da liefern ihnen welche die Themen, wie praktisch. Und über angebliche Bürgerkriege zu berichten, ist dankbar. Vor allem, wenn es keine sind und die Anfahrtswege kurz.

Die Polizei ist dankbar, die Journalisten sind es und die Otto Normalverbraucher freuen sich über jedes Molotow-Cocktail als Vergeltung für die eingesparte U-Bahn. Alle sind zufrieden.

Lehnen wir uns also entspannt zurück und genießen die Eindrücke der zahlreichen Livestreams.

Wir wünschen gute Unterhaltung.“

Eine sehr gute Analyse der Ereignisse in Hamburg

Manche verherrlichen die Gewalt selbst als bunte Farbkleckse in der ach so grauen verwalteten Welt. Interessant, wie die Autonomen jetzt auf Indymedia ihr eigenes Gebaren selbst darstellen:

„Das Bild, was in die Welt gesendet wurde, war das einer Stadt Hamburg, in der der Staat seine demokratische Maske fallen lässt und die hässliche Fratze des unterdrückenden Monstrums zeigt, den er darstellt. Und noch wichtiger, dass auch im Herzen Hamburgs, im Herzen des neoliberalen Monsters Deutschland, der Widerstand gegen den mörderischen Kapitalismus aktiv ist. Ohnmächtig vielleicht, aber dennoch er ist da. Es ist das Zeichen an die besetzten Plätze aus dem arabischen Frühling. Es ist das Zeichen der Menschen, die unter der aktiven Repressionswelle von Argentiniens aktuellem Präsident leiden. Es ist das Zeichen an die Oposition in der Türkei, gegen die Staatsgewalt von Erdogan nicht klein beizugeben. Aber auch an die ArbeiterInnen in Deutschland, die prekär Beschäftigten, die „Ohne-Papiere“ – seht her, eure Wut ist nicht eine einsame Wut, es ist eine kollektive Wut. Und die wartet nur darauf, sich Bahn zu brechen. Dieses Zeichen geht um die Welt. “

Ein Hamburger Altautonoma

https://de.indymedia.org/node/13079

Gesunde Selbstüberschätzung. Die meisten Deutschen und auch meisten Linken fanden diese Gewaltorgie keineswegs sympathisch. Und dann wie damals bei der RAF: Gewalt ausüben, Steine schmeissen und wenn die Polizei zurückschlägt, dann wird „dem Faschismus die liberale Maske heruntergerissen“ und die Volksmassen erkennen das und stehen dann kollektiv auf und erheben sich. Fakt ist aber, wie er kleinlaut gestehen muss: „Ohnmächtig vielleicht, aber er ist da“.Dass das mehr sektiererischer Symbolismus ist, wobei diese Autonomen sich wie die RAF selbst isolieren, auf diese Idee kommt der Autor nicht.

Interessant auch, dass Gabriel jetzt verkündet die Gewalttäter seien „nicht links“. Das ist so, als ob man sagt Islamisten und Islam hätten nichts miteinander zu tun. Die Autonomen sind schon links, allein ihre Strategie setzt auf Gewalt einer kleinen Minderheit als wesentliches Mittel und nicht auf eine politische Massenbewegung.Wobei es insofern stimmt, was Gabriel sagt, da auch ein Teil dabei ist, der sicherlich eher unpolitisch ist und nach dem Motto lebt „Where the action is“und auch bei rechtsradikaler oder Hooliganrandalle mitmachen würde–Hauptsache Action, Strassenschlachten und Gewalt!

Wenn soziale Revolution, dann schwebt mir eher eine solche nach dem Vorbild Osteuropa/DDR 1989 oder ala Nelkenrevolution ala 1974 in Portugal vor, nicht aber bolschewistischer Putschismus ala 1917 mit anschließenedem Terror gegen alle. Und der Schwarze Block und die Anarchisten haben nie das Zeug, noch die Methode eine Massenbewegung der Bevölkerung herzubekommen, eher das Gegenteil- sie isolieren sich als kleines Grüppchen, das nur in seinem eigenen unmittelbaren Sympathisantenumfeld etwas Sympathien erntet und anerkennend auf die Schulter geklatscht bekommt, ansonsten aber in der breiten Masse abgelehnt wird. Beachtenswert dagegen wie die Revolution in der DDR ablief–trotz Millionen von Menschen auf der Strasse keine Gewalt und keine Plünderungen und trotzdem erreichten sie trotz hochgerüsteter NVA und Stasi ihr Ziel.

Ein weiterer Beitrag auf Indymedia erklärt die Gewaltfrage als sekundär und titelt:

„Zum G20-Gipfel … Qualität statt Bekenntnisse: Die Frage „Gewalt – ja oder nein?“ ist falsch –von: Personen aus dem Umfeld der Projektwerkstatt in Saasen und des Aktionsraumes in Gießen am: 08.07.2017 – 21:42

Die überwältigende Mehrheit aller an den Auseinandersetzungen der vergangenen Tage in Hamburg beteiligten Personen und Organisationen hat sich bekenntnishaft über die Legitimität von Gewalt als Mittel des politischen Protestes oder als Mittel der uniformierten Sicherung stattlicher Macht geäußert. Das gilt sowohl für die dort versammelten Politiker*innen als auch für Journalist*innen und die meisten der Aktivist*innen und Führungspersonen politischer Organisationen und Netzwerke. Die Frage nach der Qualität politischer Protestaktionen blieb dabei auf der Strecke.

Kaum eine Stimme war hörbar, die sich mit der Art militanter Aktionen auseinandersetzte. Das Gleiche gilt für die sogenannten friedlichen Proteste, die ihre einzige Legitimation aus der Ausgrenzung zur dogmatischen Ablehnung von Gewalt zu ziehen schien. Dabei war vor allem auffällig: Fast alle Aktionen in Hamburg, die öffentlich sichtbar wurden, waren stumpf, inhaltsleere, ritualhaft und wenig von der Kreativität der Einzelnen geprägt. Stattdessen wurden sowohl Militanz als auch Gewaltfreiheit fetischisiert. Befürwortung und Ablehnung erfolgten als Bekenntnis und verdeckten, dass bei fast allen Aktionen Inhalt und Qualität mangelhaft waren. Die öffentliche Berichterstattung reduzierte sich in der Folge auf die Nachricht „friedlich“ oder „gewalttätig“. Damit haben sowohl die plakative Gewaltfreiheit wie auch die plakative Militanz die Inhalte verdeckt.

Statt der Fortsetzung der dogmatisch orientierten Debatte um Militanz oder Gewaltfreiheit rufen wir zu mehr Qualität auf:

  • Aktionen müssen so ausgerichtet sein, dass sie unsere Inhalte und Forderungen sichtbar machen.
  • Aktionen müssen die Unterschiedlichkeit unserer Auffassungen und Vorlieben zum Ausdruck bringen. Statt vereinheitlichender Schulungen und Aktionsstrategien gilt es, uns viele unterschiedliche Ausdrucksformen anzueignen und in die Praxis umzusetzen. Demos mit Tausende von Menschen, die sich weitgehend gleichförmig verhalten, sind immer eine Verschwendung unser Möglichkeiten – egal ob gewaltfrei oder militant. 1000 ausdrucksstarke Gruppen a 10 Leute mit eigenen Ideen sind viel mehr wert als ein geschlossener Zug von 10.000 Menschen.
  • Kriterium für die Bewertung von Aktionen muss deren emanzipatorische Qualität und Ausdrucksstärke sein. Die Ohrfeige von Beate Klarsfeld gegen Kurt-Georg Kiesinger oder der militante Kampf der Roten Zora gegen den frauenausbeutenden Adlerkonzern sind nicht das Gegenteil der Sitzplatzwahl von Rosa Parks oder der Besetzung von Genversuchsfeldern, sondern sie sind sich hinsichtlich der relevanten Qualitätsmerkmale vor allem ähnlich. Nur die Bekenntnisdebatte um Militanz und Gewaltfreiheit macht sie zu Gegenteilen.
  • Um einen Qualitätssprung sowohl bei militanten als auch bei sogenannten gewaltfreien Aktionen zu erreichen, muss die Macht derer gebrochen werden, die an bekenntnishaften, ritualisierten und dadurch leicht führbaren Protestformen Interesse haben. Dieses sind die Sicherheitsbehörden des Landes, aber auch die Vorstände, Sprecher*innen usw. der politischen Bewegungen – wie auch immer sie ihre Kreise nennen, die andere Menschen vereinnahmen, steuern, um Spenden erleichtern oder für sie sprachen wollen.

Die entscheidende Frage ist nicht: Gewalt – ja oder nein? Die entscheidende Frage ist die nach der Qualität unserer Aktionen. Die Gewaltdebatte verschleiert, dass hier ein riesiger Nachholbedarf besteht.“

Personen aus dem Umfeld der Projektwerkstatt in Saasen und des Aktionsraumes in Gießen

https://de.indymedia.org/node/13062

Also statt friedlichen Massendemonstrationen und gewalttätigen Schwarzen Block  viele Kleingruppen, die dann aufgrund ihrer Kleinstruktur ihre Inhalte irgendwie besser transportieren können sollen, um eine neue Qualität zu erzielen. Gewalt wird da auch einfach gleichberechtigt als Aktionsform propagiert. Interessant wäre jedoch, wie sich dies diese Projektwerkstatt praktisch vorstellt. Ist es nicht naiv zu glauben, dass mehr kleine Gruppen, eine Dezentralisierung des Widerstands auch schon bessere qualitativere Inhalte rüberbringen könnte, mal abgesehen von der Frage ob diese Inhalte auch qualitativ so hochstehend wären und sind. Wohl wahr, dass bei den Massendemos immer nur ausgelutschte Parolen in den Medien und in der Diskussion transportiert werden, die so allgemein sind, dass sie schon wieder inhaltlos sind. Zumal ja auch die Medien Kritikern keinen Raum geben außer Kurzinterviews, Phönix zwar Diskussionsrunden ellenlang tagen lässt, aber bei den ellenlangen Talks und Expertengesprächen in den ganzen 4 Tagen gerade mal eine Vertreterin von Attac für eine Sendung eingeladen wurde, die nur begrenztes Rederecht hatte—Liveübertragungen von Kritikveranstaltungen und deren Reden, Referate oder Diskussionen wie dies Phönix sonst stundenlang von Bundestagsdebatten und Parteitagen überträgt, gibt es da infolge der öffentlichrechtlichen Zensur nicht.Fraglich aber, ob eine dezentraliserte Kleingruppenstruktur daran etwas ändert, auch wenn man sie der Kontrolle reformistischer und etablierter Massendemoorganisatoren entwindet.

Andere Kommentatoren widersprechen da der Gewaltverurteilung durch die Mainstreammedien und die meisten Politiker, so ist etwa von einem Kommentator „Altautonomer“ zu lesen:

„Leider wird sich aus aktuellem Anlass gern von jeglicher Gewalt distanziert, dabei ist es der Zustand der Normalität in unserer Gesellschaft. Die Linke sollte den Faden aufnehmen und die Gewaltdiskussion neu auflegen (Gewalt gegen Sachen, gegen Menschen, Gewalt durch Sprache, Gewaltmonopol des Staates, Missbrauch des Gewaltmonopols, psychische Gewalt, strukturelle Gewalt, Notwehr, UN-mandatsabgesicherte Kriege, robuste Mandate, Chemie in Lebensmitteln, alltägliche Gewalt in Schlachthöfen und im Strassenverkehr).

Das gebetsmühlenartige Bekenntnis vieler Linker zur absoluten Gewaltfreiheit bekommt angesichts der herrschenden Normalität gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse schon fast einen reaktionären Duktus.

Herman L. Gremlitza sagt dazu: „Gewalt ist aber nicht nur, das hat man jedenfalls noch 1968 gewußt, wenn ein Bourgeois mit grober Faust was auf die Fresse kriegt, sondern auch, wenn seine manikürte Hand mit einem goldenen Mont-Blanc-Füller die Entlassung von tausenden Proleten unterschreibt und mit diesem Federstrich das kleine Lebensglück nicht nur der Entlassenen, sondern auch ihrer Kinder zerstört „,

Dazu (G20) passt auch der interessante Text von Franz Walter:
http://www.demokratie-goettingen.de/blog/protest-und-militanz

Provokativ behaupte ich mal, Revolution beginnt nicht mit brennenden Barrikaden oder Kleinwagen, sondern mit der Durchsetzung der Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h auf deutschen Autobahnen. Dann würde das Zentralkomitee der Suchtberatungsstelle für Hochgeschwindigkeitsfanatiker (Klarname ADAC) den Aufstand organisieren.“

Der linke Blog „Genova“ kommentiert auf seiner Seite:

„Franz Walter beschreibt ganz gut, was in Hamburg passiert ist:

„In den militanten Aktionen spürt auch ein sonst Ohnmächtiger einen kurzen, aber berauschenden Moment der Macht. So wird der Straßenkampf zum Fest, das Steingeschoss zur Projektion von Omnipotenz. Natürlich rekurriert man gerne auf das uralte Symbol des Feuers, das Licht in die Dunkelheit einer verabscheuten Gegenwart bringen und jegliche Privilegien in Asche verwandeln soll. Für einen Moment kann man sich dadurch aus dem Immergleichen des Alltags erheben, ist Held der Straße, Star von Straßenschlachten. Eine programmatische Begründung für den Aufstand liefern die Handelnden kaum. Auf mögliche Bündnispartner wird nicht geachtet oder gar Rücksicht genommen. Sprecher mit Autorität nach außen fehlen offenkundig ebenso. So flackert der Aufruhr jäh auf, erreicht einen kurzen martialischen Höhepunkt – und fällt in sich zusammen. Ernsthaft bedroht sind die verhassten Herrschaftsverhältnisse dadurch nicht. Und auch das gilt: Proteste dieser Art waren und sind keineswegs „aufklärungsfreundlich, modern, zukunftsoffen, verbal-deliberativ, demokratisch oder primär an zivilgesellschaftlichen Normen ausgerichtet. Oft verkörperten sie in Mentalität und Praxis eher Gegenteiliges“; gewissermaßen „the ugly side of collective action““

Es ist der Versuch der Beschreibung, weswegen sich das Statement Walters wohltuend von dem pseudomoralischen Geplapper abhebt, das man ansonsten vernimmt.“

Ein Kommentator namens Hanswurst sieht sogar einen gewissen politischen Erfolg der Gewaltorgie und meint darauf:

„Die Analyse von Walter gefällt mir auch ziemlich gut, aber die Auswirkungen auf die Herrschaftsverhältnisse müssten genauer erörtert werden. Nach dem Gipfel wackelt der Stuhl des Bürgermeisters, die Exekutive musste partielle Ohnmacht eingestehen und die Frage nach möglichen Veranstaltungsorten und nach dem Sinn eines G20 Gipfels wird verstärkt gestellt. Ein weiterer G20 Gipfel in Hamburg in den nächsten 10 Jahren ist schlecht denkbar, würde als einseitige Kriegserklärung aufgefasst. Möglich auch, dass der Kreis der Sympathisanten der Autonomen durch die ganze Aktion vergrößert wird, und das mitten in unserer schönen neuen Biedermeierzeit. Insofern könnte man die „ugly side of collective action“, die tatsächlich kaum einen erkennbaren politischen Willen transportierte, dennoch als politischen Erfolg werten.“

Seitens der etablierten politischen linken Parteien von Linkspartei, Grünen und Ökolinx werden die Gewaltakte als natürliche Reaktion des Schwarzen Blocks dargestellt und Dietmar Bartsch, Katja Kipping, Claudia Roth, Simone Peters und Jutta Dithfurth machen wiederum die „Eskalationsstrategie der Polizei“ verantwortlich, geradeso, als hätte es die Plünderungen von Geschäften und brennende Autos nicht gegeben, wenn die Polizei sich deeskalierend zurückgehalten hätte, nicht präsent gewesen wäre oder den Schwarzen Block nach freiem Gusto hätte schalten und walten lassen. Zumal sich ja die Gewalttäter nur teilweise an der Polizei austobte, sondern eher an den Kleingeschäft- und Autobesitzern des Schanzenviertels.

Zwar ist es grundsätzlich falsch, sich als politischer Mensch per se im Sinne eines Radikalpazifismus prinzipiell von Gewalt als letztem Mittel zu distanzieren, denn Heiner Geißler hatte nicht Unrecht, als er meinte, dass der Pazifismus der 30er Jahre Auschwitz erst ermöglicht hätte. Dennoch hat man es bei den Politikern des demokratischen Deutschlands ja nicht mit Faschisten zu tun und bietet das politische System genug Spielraum und Partizipationsmöglichkeiten, um seinen Protest anders zu artikulieren und zu organisieren.  Inzwischen gibt es aber auch Kritik aus der Sympathisantenszene der Hamburger Rote Flora an eben diese, die die politische Bildung der Gewalttäter sowie ihre Gewaltorgie selbst infrage stellen und den Rote Flora-Leuten eine zutiefst assoziale Lebensweise unterstellen:

„Die Ausschreitungen während des G20 in Hamburg hatten weder Maß noch politische Aussage. Es waren teils lebensgefährliche Aktionen aus purer Lust an Gewalt und Zerstörung, die auch jene trafen, die sich mit den Zielen wirklicher Gipfelgegner identifizieren können. Der Artikel beschreibt, was die enttäuschte und erschütterte Community auf der Schanze, vermutlich auch wesentlich darüber hinaus, mehrheitlich denkt.

Liebe Aktivist*Innen der Roten Flora,

lasst euch bitte nicht unterkriegen von den Hetzkommentaren dieser Kinder des Kapitalismus. Diese Menschen wissen doch gar nicht, wie wichtig eure Arbeit für das Überleben unserer Spezies ist. Und überhaupt – würdet ihr den Menschen nicht immer wieder aufzeigen, was alles falsch läuft, wo kämen wir denn da hin?

Ich persönlich danke euch für euer, sagen wir, todesmutiges Engagement gegen kapitalistische Kleinwagen, faschistische Tante-Emma-Läden, und natürlich gegen diesen elenden Repressionsapparat.

Natürlich wäre es ohne die Polizei gerade NICHT zu irgendwelchen Ausschreitungen gekommen! Auch die geplünderten Läden sind vermutlich irgendwie mit der Polizei oder sonst irgendetwas, wogegen ihr seid, in Verbindung zu bringen.

Nein, jetzt mal im Ernst.

Die große Mehrheit der Bevölkerung hat sich ja mittlerweile dran gewöhnt, der großen Mehrheit eurer Truppen durch Transferleistungen das Chillen in der Flora mit Alk und ´nem gemütlichen Joint zu finanzieren.

Die Mehrheit hat sich wohl auch daran gewöhnt, dass ihr im bewusstseinserweiterten Zustand mit großer Kreativität immer wieder neue „Anti“-Themen findet, gegen die ihr sein könnt. Was wäre das Leben schließlich ohne „Anti“?

Kaum einer nimmt euch mehr krumm, dass ihr wie die Blinden von der Farbe über „Antikapitalismus“ und „Antifaschismus“ faselt, ohne zuvor mehr als Wikipedia bemüht zu haben, um zumindest die basischen Zusammenhänge in Ansätzen zu begreifen. Wenn ihr beim Faseln dann merkt, dass sich über eure Thesen selbst die eigenen Fußnägel hochrollen, hebt ihr den gerade verzapften Nonsens mit einem geschmeidigen „irgendwie so“-Appendix meist schnell wieder auf ein philosophisch-akademisches Niveau. Aber: geschenkt!

Dass ihr den „aufrechten Kampf gegen den Faschismus“ meist gegen wehrlose Sachen, alte oder gebrechliche Angehörige irgendwelcher, von euch als „rechts“ definierter Splitterparteien führt, den agileren Exemplaren der Szene allenfalls in Kräftekonstellationen jenseits der 30:1 und mit entsprechendem Sicherheitsabstand die Stirn bietet, auch daran hat sich Mensch bereits gewöhnt.

Es erzeugt auch keinen Überraschungseffekt mehr, wenn ihr den „Repressionsapparat“, gemeint sind MENSCHEN in Uniform oder halt „Bullen“, tapfer bis zur letzten Gehwegplatte von Häuserdächern oder mit Pflastersteinen aus dem Hinterhalt bekämpft. Ihr macht das ja schließlich für ´nen guten Zweck…“irgendwie so“.

Ich würde mir nur wünschen, dass ihr ein wenig ehrlicher und konsequenter wäret.

Verzichtet doch auf die pseudopolitischen Begründungen für eure menschenverachtenden Gewaltorgien. Verletzte Menschen, vernichtete Existenzgrundlagen und verwüstete Stadtteile sind echt schon schwer genug zu ertragen. Eure quasipolitischen Rechtfertigungen mit Anleihen bei Marx (, den ihr immer wieder mit Lenin zusammenwerft und daraus fälschlich eine „marxistisch-leninistische Theorie“ bildet) sind aber echt unerträglich. Reicht eure Statements doch wenigstens kurz vor der Veröffentlichung irgendeinem mäßig talentierten Bachelor-Studenten der Politikwissenschaften im zweiten Semester zur inhaltlichen Kontrolle rein. Bitte!

Oder noch einfacher: Verzichtet auf den Anspruch irgendeiner politischen Aussage! Mit den Verwüstungen zum G 20 jetzt in Hamburg habt ihr euch ohnehin vollkommen unglaubwürdig gemacht.

Versteht mich bitte nicht falsch: Nicht jeder muss seinen Beitrag dazu leisten, dass wir hier in Frieden und mit genug zu Essen leben können. Unsere Verfassung toleriert auch Menschen, so wie euch, die den Wirt, der sie ernährt, bekämpfen.

Aber bitte: hört damit auf, in der Öffentlichkeit irgendwelche Begründungen für eure Gewalt zu liefern und zu behaupten, dass ihr damit irgendendetwas oder irgendjemanden vertretet.

Das macht ihr nicht!

Ihr vertretet nichts und niemanden, außer euren anti-sozialen Lebensstil und euch selbst.

Beste Grüße und ein chilliges Leben!

Bastian Beiersdorf für die Anwohner der Schanze“

https://de.indymedia.org/node/13085

 

 

 

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.