Sind die Erdogan-Türken Mohammedisten und ein homogener Block?

von Ralf Ostner

Seit einiger Zeit diskutiere ich schon mit dem rechten Counterjihadler Madrassa of Time, der ein strammer evangelikaler, manächistischer Klerikalautoritärer ist–unter anderem um diese evangelikale Rechte besser zu verstehen.Ich hatte ihn zuerst als Klerikalfaschisten bezeichnet, worauf er protestierte und mir die Sperrung auf seinem Blog androhte, wenngleich er genauso alle Muslime als Mohammedisten und Orks (in Anlehnung an den Herr der Ringe) oder Linke als Bolschweisten  titulier. Für ihn und diese ganze Sorte rechter Counterjihadler gibt es keinen Unterschied zwischen MHP, AKP, Kemalisten oder zwischen Hamas und PLO, alle sind für sie Muslims/Orks/Torks/Mohammedisten–sie nehmen ´ diese Gruppen als homogenen Block war, den man bekämpfen müsse und da sieht er in den Trump-USA, Israel, der AfD, Geert Wilders, der FPÖ seine natürlichen Verbündeten. Als Beispiel unserer Korrespondenz und meiner Gegenargumente folgendes Beispiel:

„MoT schreibt:

„Ich meine, dass Du mit Deiner Theorie von nicht-islamischen nationalistischen Torks falsch liegst. Die Torks sind zu 99,8 % mohammedanistisch UND zweifellos auch sehr nationalistisch. Du siehst doch, dass Fuhrergan bloß den Nazislahm-Trigger drücken muss, und die Mehrheit läuft ihm nach.“

Was hier falsch ist, ist die Pauschalisierung und Stigmatisierung von Muslimen zu Mohammedisten als einem homogenen Block. Dieser Logik nach wären die Kurden aber auch Mohammedisten und Islamisten, da sie großteils sunnitische Muslime sind. Erdogan verfolgt die Kurden ja nicht, weil sie Christen sind, sondern er knüpft hier an den völkischen Nationalismus von säkularer MHP und Kemalisten samt des türkischen Militärs an, die in den Kurden eine volksfremde antinationalistische und seperatistische Ethnie sehen auch wenn sie säkular sind. Zumal PKK, YPG und selbst die nordirakischen Kurden unter Barzani zwar Muslime sind, aber eben säkular. Diese Unterscheidung zwischen säkularen Muslimen, moderaten Muslimen und Islamisten macht die religiöse Rechte nicht. Die MHP und das türkische Militär bekämpfen die Kurden aus nationalistischen Gründen. Erdogan nutzt dies als gemeinsamen kleinsten Nenner, um seinen islamistischen Träumen von einem neoosmanischen Reich mit arabischen Muslimbrüdern von Nordafrika bis über den Nahen Osten näher zu kommen. Die Kurden sind für ihn aber nicht nur eine nationale Bedrohung, sondern auch eine religiöse Bedrohung, da sie anders als die von ihm unterstützten islamistischen arabaischen oder turkstämmigen Mordbrennermilizen und Muslimbrüdernin Syrien und dem Irak eben säkular sind.

Erdogan drückt ja vor allem den Kurden- und Nationalismustrigger, kaum den Naziislamtrigger. Das ist ähnlich wie bei den Nationalkonservativen und ihrem Verhältnis zu den Nazi–siehe Harzburger Front Hitler hat vor allem Nationalismus geschürt, gegen den „Schandfrieden von Versailes“und konnte da sogar nationalistische Tendenzen bis hinein zur KPD (Scheringerlinie der KPD) bedienen.Diese Koalition wird aber brüchig, sollte Edogan zuviel Macht erhalten, da er dann diese Leute wie Schacht, Thyssen,Schleicher oder Röhm beseitigen wird, da sie nicht islamistisch sind und Islam mehr als Tradition und Beiwerk verstehen, denn als den eigentlichen Kern und eben nur nationalistisch sind.Zudem ist es ja bezeichnend, dass sich die MHP über diese Frage schon gespalten hat. Erdogans Hauptkonkurrentin bei den Präsidentschaftswahlen ist eine ehemalige MHPlerin, die nur großtürkisch, aber eben nicht islamistisch sein will und sich deswegen abgespalten hat. Wenn Erdogan erfolgreich ist, wird er gegen die MHPvorgehen wie jetzt gegen die Gülenbewegung. Wenn er nicht erfolgreich ist und der Nordsyrienfeldzug ein Desaster werden sollte, dann werden sich MHP und auch die kemalistischen Teile des Militärs gegen ihn stellen, wie einst die Nationalkonservativen der Reichswehr um Stauffenberg nach Stalingrad.Bis dahin werden diese türkischen Nationalisten und Großchauvinisten aber zu ihm halten, weswegen es MoT und Islamophoben als homogener Block erscheint–das ist es aber nur an der Oberfläche.

Dennoch sind viele „Erdogantürke“keine AKPler, sondern wahrscheinlich ein Teil Graue Wölfe von der MHP, da sie sehr verächtlich über Religion sprechen und diese als Verdummungsinstrument der Besitzenden gegen das Volk sehen, dem nur ungebildete, arme und alte, zumal kranke Menschen folgen und sich verarschen lassen würden.So würde kein islamofaschistischer AKPler über Religion oder gar den Islam reden, sondern nur ein MHPler. Daher sollte man vorsichtig sein, wenn man von „den Erdogantürken“spricht. Faktisch handelt es sich um eine Symbiose aus Erdogans islamofaschistischer AKP, der faschistischen MHP, also Grauen Wölfen und enttäuschten nationalistischen Kemalisten, die vor allem durch ihren Nationalismus und ihren Kurdenhass in dieses Bündnis getrieben werden. Im wesentlichen ist es aber eine Symbiose zwischen AKP und MHP, wobei sich die AKP auch gegen die MHP eines Tages richten wird, wenn sie sie nicht mehr braucht und genug Macht hat, wie Erdogan jetzt die Gülenbewegung, die einst sein islamofaschistischer Bündnispartner war, verfolgt. Daher ist es wichtig sich bei aller Symbiose einmal die ideologischen Trennlinien der AKP zur MHP und den Grauen Wölfen bewusst zu machen.

Die MHP ist eine faschistische Partei, die ideologisch im Gründungsmythos des Ergenekontals ansetzt, das die Keimzelle eines homogenen, biologistisch-rassisch reinen Turkvolks gewesen und von einem Grauen Wolf als Torwächter geschützt worden sei. Als dieser wegfiel, sei das Turkvolk über die Welt ausgeschwärmt und hätte ein türkisches Reich aller Turkvölker von der Türkei über den Kaukasus und Zentralasien bis hin zu Ostturkestan in China begründet.Selbst die Mongolen und Dschingiskhan werden von einigen MHPlern als eigentliches Turkvolk gesehen, das welthistorisch ein Imperium und Großreich begründet habe. Die MHP war zwar in der Attatürktürkei immer der Verbündete des kemalistischen Militärs gegen Demokratie und Kommunismus, aber sah die kleintürkische Lösung der säkularen Attatürktürkei nie als befriedigende Lösung, da sie die Macht der Türkei begrenze und diese als neues Turkreich wiederauferstehen sollte. Der Islam wurde da zwar auch als verbindendes Element der Turkvölker gesehen, aber eben nicht als entscheidend konstituierendes Moment, mehr als Tradition und Volksbrauchtum denn als eigentlich begründende Ideologie.Dieser Panturkismus erlebte ja auch unter dem säkular-konservativen Ministerpräsidenten Özal eine kurze Renaissance, die dann aber auf wenig Resonanz im Kaukasus und Zentralasien stieß und wieder aufgegeben wurde.

Anders Erdogans AKP. Hier spielt der Islam die wesentliche Rolle bis zur Negierung der Evolutionslehre an den Schulen, Kopftüchern, Geschlechtertrennung oder als konstituierendes Element eines neoosmanischen Reiches, das sich in Verbindung mit anderen Muslimbrüdern des Greater Middle East von der arabischen Halbinsel über Nordafrika und muslimischer Völker im Kaukasus und Zentralasien bis hin nach Xinjiang in China eine Ummah bilden soll unter seiner Herrschaft.

Die Grauen Wölfe sind türkische Faschisten, aber keine „Naziislamisten“. Sie sind völkisch und nicht religiös ausgerichtet.Soweit ist das korrekt. Die Türkei ist da die unberechenbarste Variable. Während es nachvollziehbar ist, dass die Türkei kein PKK-unterstütztes YPG-Staatsgebiet in Nordsyrien haben will, zudem die nordiraischen Kurden mittels eines Referendums auch einen eigenen Staat gründen wollten, was von dem Irak, der Türkei, Iran, den USA, sowie dem UNO-Sicherheitsrat mit Ausnahme Israels abgelehnt wurde.Wobei die nordirakakischen Kurden unter Barzani keine PKK-Mitglieder sind, anders als die nordsyrische YPG.aber befürchtet wurde, dass die alleinige Existenz eines Kurdenstaates der PKK Rückenwind auch in Nordsyrien und der Türkei geben könnte. Assad hätte auch kein Interesse an einem eigenen Kurdenstaat in Nordsyrien, aber er fragt sich eben auch, ob die Türkei nicht für das US-Zugeständnis die YPG-Zone um Afrin zu erobern und einen türkischen Brückenkopf in Nordsyrien neben der US-Gestützten YPG-Zone von Cizre bis Kobane zuetablieren zugleich zu einer arbeitsteiligen Verständigung mit den USA kommen könnte, um den Marsch nach Damaskus zum regime-change anzutreten und Erdogans neoosmanischen Phantasien nebst US-Unterstützung durchbringen könnte. Ebenso ist es nicht im syrischen Interesse, dass die Türkei in Nordsyrien eine permanente Sicherheitszone einrichten würde, was einer Besatzung gleichkäme. Die Frage ist also, ob der Einmarsch der Türkei wie beim kemalistischen Militär nur der YPG gilt oder ob Erdogan nicht seine neoosmanischen Träume wahrmachen will, einen Teil Syriens zu annektieren, die Erdogan-Türkei also eine revisionistische Regionalmacht ist.

MHP und AKP sind sich zwar in ihren expansionistischen Reichsträumen einer Türkei, die zur Weltmacht aufsteigen soll wie auch ihrer Ablehnung jeglicher Demokratie als westlich-dekadentem Modell einig ,aber in der ideologischen Begründung nicht: Während die MHP eher rassisch-völkisch denkt, so die AKP eher islamisch. Solange es noch die HDP, die CHP und alle demokratisch-säkularen Kräfte in der Türkei sowie die prowestlichen Kemalisten in Militär und Geheimdienst zu beseitigen gibt, werden AKP und MHP weiter zusammenarbeiten und beide uns als „Erdogantürken“ in ziemlicher Eintracht entgegentreten. Hat Erdogan aber eine gewisse Machtfülle erreicht, wird er sich auch der völkisch-rassisch-nationalistischen MHP entledigen wie er dies auch schon mit der Gülenbewegung tat.

Daher ist es auch kein Zufall, dass Erdogan gerade neben dem türkischen Militär seine eigene Truppe wie die SS, Saddams Republikanische Garden oder Khomeinis Revolutionsgarden aufstellt und das Militär und den Geheimdienst MIT reorganisiert, ja auch AKPmitglieder von islamischen Schulen und Akademien sollen nun Mitglied des Offizierskorps werden können, was bisher strikt untersagt war. Dieser Umbau des NATO-Mitgliedsmilitärs wird von westlichen Medien und Politikern gar nicht erwähnt und gesehen, lediglich Daniel Pipes hat dazu mal einen Artikel verfasst, der aber auf keine Resonanz stieß. Das bedeutet, dass sich Erdogan auch auf eine künftige Konfrontation mit MHP, kemalistischen Militär und Nationalisten einstellt und vorbereitet, den er kommen sieht. Seine islamofaschistische Präsidialdiktatur will er schon gleichgeschaltet wissen.



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