Vom Barte des Propheten-über die Lust an der Apokalypse

von Ralf Ostner

Der Prophet sprach:

„Wir wissen, dass unsere derzeitige Art zu leben keine Zukunft hat, dass unsere Kinder im reifen Alter weder Aluminium noch Erdöl zur Verfügung haben werden […] Wir wissen, dass unsere Welt dem Ende nahe ist.“ (zitiert nach: P. Portoghesi, Ausklang der modernen Architektur, 1980)

Das sprach der Prophet 1976, er war Sozialphilosoph und er hieß André Gorz. „Unsere Kinder“ waren damals etwa zehn und sind heute etwa 50 und wir wissen, dass sie auch im reiferen Alter sowohl Aluminium als auch Erdöl zur Verfügung haben werden. Wir wissen auch, dass unsere Welt dem Ende nicht nahe ist.

Diese Kritik ist nicht gegen einen ökologisch verantwortungsvollen Umgang mit der Natur gerichtet – natürlich sollte man am besten überhaupt kein Erdöl mehr verfeuern, und die Protagonisten in den 1970er Jahren lenkten den Blick völlig zurecht auf das Thema.  Die Kritik richtet sich gegen die Hybris, die gerade jemandem wie Gorz schlecht steht. „Wir“ wissen überhaupt nichts, wenn es um die Zukunft geht, und es wird nicht besser, sondern schlechter, wenn wir unsere Hybris maskieren, indem wir „unsere Kinder“ instrumentalisieren.

Der insgesamt sicher lobenswerte Gorz ist in diesem Fall nicht besser als die üblichen Stammtischteilnehmer mit ihren Dauerprognosen über dies und jenes und eigentlich alles. Dax, BIP, Euro, Target 2: Wer am lautesten und drastischsten die Zukunft vorhersagt, dem wird Aufmerksamkeit geschenkt.

Jemandem wie Gorz steht die Hybris nicht, weil gerade das die Voraussetzung für einen vernünftigen Umgang mit der Natur wäre. Kein absolutes Wissen, sondern schwaches Denken, Offenlegung des Nichtwissens, lediglich des Schätzens, des Vermutens, des Zögerns und Schweigens. Es ist sozusagen die Vertracktheit der Dialektik der Aufklärung, die Gorz hier in zwei Sätzen offenbart.

Die Prophetie ist nichts anderes als eine Herrschaftstechnik der Gegenwart. Egal wer sie einsetzt, er oder sie will das Denken und Tun im Jetzt bestimmen. Und das gerne mit Hilfe der Apokalypse. Mohammed und Jesus und ähnliche Kameraden haben sich dieses Wissen schon vor langer Zeit zunutze gemacht und bei Milliarden hat es gefruchtet.

Ähnlich nervig war die Diskussion um das angebliche peak oil vor runden zehn Jahren, wonach nun der Höhepunkt der weltweiten Ölförderung erreicht sei und die Preise dauerhaft anzögen. Kurz darauf begannen die Amis mit dem Fracking und die Preise fielen. Wir – und das sind vor allem alte weiße Männer – glauben immer noch, zu wissen. Selbst dann, wenn wir zu den Guten gehören. Wie peinlich.

https://exportabel.wordpress.com/2018/07/09/vom-barte-des-propheten/#respond

Kommentar:

Naja, es gibt auch Gegenbeispiele. Als die KPD in den 30er Jahren die Parole ausgab „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“, glaubte keiner daran, interessanterweise nicht einmal die Kommunisten selbst und später dann Stalin auch nicht, der von Hitlers Operation Barbarossa völlig überrascht wurde, obwohl sein Agent Sorge dies zuvor gemeldet hatte.Aber die Gefahr liegt bei diesen Propheten darin, dass die inflationäre Beschwörung von Weltuntergängen und Weltkriegen dann dazu führt, dass die Leute abstumpfen und sich daran gewöhnen und dann im wirklichen Gefahrenfall dies nicht mehr ernst nehmen. Davon handelt ja auch die Parabel von dem Jungen, der immer vor dem Löwen warnte aus Spaß, bis dann der Löwe kam, ihn mitnahm und keiner mehr hörte und ihm half.Und um noch etwas selbst dazu beizutragen:
Die strategischen US-Planungen für ein zweites nukleares Zeitalter treten in eine neue Phase. Ein sehr grundlegendes Papier hierzu ist “Rethinking Armageddon” vom Center for Strategic Budget Assesment, das auch schon das grundlegende Papier “Why Airseabattle?” herausgab. Kurz: Das zweite oder dritte Nuklearzeitalter ist viel instabiler und unberechenbarer als das erste nukleare Zeitalter des Kalten Krieges und jede Krise kann sich viel schneller und exzessiver auswachsen als eine Kubakrise. Zumal sich ja auch alle Welt in der Gewissheit sonnt, dass es wegen der Existenz von Atomwaffen ohnehin nie zu einem Weltkrieg kommen könne. Hier spielen die Erfahrungen des Kalten Kriegs , seiner Bipolarität und begrenzten Waffensysteme noch mit, wenngleich etwa neuere Studien wie Rethinking Armageddon von einem zweiten nuklearen Zeitalter sprechen, welches aufgrund der Multipolarität der Mächte sowie der neu hinzugekommenen Waffensystem von Cyberwaffen, Weltraumwaffen, konventionellen Flächenfeuersystemen, haystack-Waffen, Langdistanzwaffen, Stealthwaffen bis hin zu Mininukes und der globalisierten Wechselwirkungen viel instabiler als das erste nukleare Zeitalter sei.

Das Wort Weltkrieg überhaupt noch in den Mund zu nehmen, bewirkt, dass der Mahner in die Ecke mit den Zeugen Jehovas und deren jahrzehntenlangen Prophezeihungen vom Weltuntergang gerückt wird. Wer das Wort Weltkrieg überhaupt benutzt gilt als Spielverderber, Panikmacher, German Angst oder eben als quasireligiöser Spinner. Inzwischen sind wir es daher gewohnt nur noch Euphemismen oder Worte wie Großkonflikte oder Großmachtskonflikte zu benutzen, um den Schrecken zu verdrängen. Da wirkt die Sprachpolizei und die PC-Sprachregelung leider auf das politische Bewusstsein zurück und umhüllt uns mit einem Kokon der trügerischen Sicherheit, die solche Entwicklungen letztendlich dann doch wieder für undenkbar hält, zumal auch die Hoffnung als letztes stirbt.


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