Wie man Neoliberalismus verinnerlichen kann–ein Fallbeispiel

Die Verinnerlichung neoliberaler Kapitalismuslogik ist am Beispiel des alten Ernst (Name geändert)  zu beobachten. Ein jahrzehntelanges SPD-Mitglied, der in der Schröderära anfing sich mit Anleihegeschäften und Ökonomie zu befassen , die Agenda 2010 lobt, mehr Aktienkultur fordert, ökonomische Bücher wie etwa Krugman, Stiglitz und den Ayn Rand- Schüler Alan Greenspan wälzt (das Kapital hat er nie gelesen, kritisiert es aber desto heftiger vom Hörengesagten), um dann seine Rente in Argentinienanleihen zu investieren, die dann wertlos wurden angesichts des Staatsbankrotts. Was den guten Ernst nicht davon abhält, der neoliberalen Ideologie weiter zu fröhnen und diese ernst zu nehmen–da versteht er keinen Spaß, ja da ist er ein regelrechter Bluternst, der am Aktienmarkt Blut gerochen hat und Angst hat, man könne ihn mit Kapitalismuskritik von satten Gewinnen abhalten. Auf die Frage, wie sich denn eine SPD-Mitgliedschaft mit dem Neoliberalismus verträgt, meint der Ernstl, dass die SPD schon lange keine Klassenkämpferpartei mehr sei, die verstaubter Sozialromantik und illusorischen und utopischen Gerechtigskeitsidealen hinterherträume, sondern nun geballte Wirtschaftskompetenz versammele und darstelle, was sich auch an Ex-JuSo-/Gazprom-/Rosneft-Gerhard Schröder, RWE-/Citibank-Clement, ING-DIBA-Bank-Steinbrück, Siemens-Alstrom-Gabriel zeige, wie auch an der Tatsache, dass Finanzminister Scholz nun den ehemaligen JuSochef von NRW ins Amt geholt habe, der es zum Deutschlandchef von Goldmann Sachs geschafft habe. Zudem dominiere der Seeheimer Kreis die SPD und damit sei der linke Flügel stillgestellt. Zumal eben die SPD auch Vorreiter bei Agenda 2010 und der Deregulierung der Finanzmärkte gewesen sei und ihm somit Finanzprodukte eröffnet habe, mit denen auch der kleine Mann reich werden und vorsorgen könne.

Nicht nur Ernst, sondern gleichgesinnte FDP-und CSU-Freigeister bei der wöchentlichen Gesprächsrunde in der Kneipe wollen da mit ökonomischen Sachverstand brillieren. Dabei tauschen sie die neuesten Nachrichten aus dem Börsenfernsehen aus, taxieren Vorstandsgehälter, CEO-Besetzungen wie Fußballfans die Aufstellung der eigenen Mannschaft, begeben sich in die Rolle des fiktiven Unternehmensberaters, der alles im Nachhinein besser gemacht hätte, tauschen Anlagetips aus, suchen nach neuen Geschäftsideen mit denen man schnell und ohne Arbeit reich werden können, finden die Witrschaftsflüchtlinge schlimm und als einzigen Kostenfaktor, während Wirtschaftskriminelle und Steuerflüchtlinge für sie eher intelligente und gerissene Geschäftsleute sind, die nicht einmal stillschweigend Hochachtung geniessen. So auch der Ernst. Ernst würde auf Fragen nach seinem Selbstverständnis und der Aktienkultur sagen: „Ich bin eine Ich AG und ich bin der Staat“.

Bezüglich Wohnungsnot und Obdachlosigkeit ist er der Ansicht, dass die Menschen früher auch bestenfalls in Höhlen gewohnt haben und Obdachlose Freigeister seien, die ein romantisches ,ungebundenes Leben in der freien Natur etwa zu schätzen wüssten im Gegensatz zu den domestizierten, verweichlichten und denaturierten Großstädtern, die auch nicht mehr wüssten, wie man sich von der Natur ernährt und reichlich degeneriert seien. Man solle dies eher als ökologische Chance begreifen und die amerikanischen Hobos wären auch romantisch durch den Wilden Westen mit dem Zug getrampt ohne feste Wohnungen. Zurück zur Natur, Rousseau und der edle Wilde kommt da wieder zu Ehren und da gelte auch wie in der Natur das survival of the fittest! Sozialdarwinismus–ja bitte, aber bitte nicht sozial! Dazu könne man ja auch in einem Camper als Wohnung übernachten. Alles eine Frage der Einstellung, des Willens und der Anspruchshaltung, zudem die Heimatvertriebenen und die Kriegsgeneration auch unter kärglicheren Wohnverhältnissen gelebt hätten gegen die die heutigen Kleinwohnungen sich ja wie Luxusappartments ausnehmen.Zumal die Obdachlosigkeit auch gesünder wegen der Frischluft sein könne im Vergleich zu verschimmelten Wohnquartieren, wie es sie ja schon seit Zeiten des von Marx kritisierten Manchesterkapitalismus gegeben habe und auch noch teilweise gibt.

Arbeitslosigkeit–liegt an jedem selbst, falschen Beruf gelernt , falschen Studiengang und Orchideenfach gewählt oder die Leute sind zu faul, wollen sich nicht weiterbilden, keine einfachen Arbeiten annehmen, die sie als unter ihrer Würde betrachten (Würde des Menschen hält Ernst überhaupt für so einen Gutmenschenbegriff, den die Väter des Grundgesetzes auch anders als irgendwelche Sozialschmarotzer Parasiten und Flüchtlinge, die sich darauf berufen, verstanden hätten) , zumal: Hartz 4 verleite ohnehin zum Gammeltum auf der Fernsehcouch bei geistig ungesundem Programm–auch eine Frage der Mentalhygiene.

Altersarmut–mehr Aktienkultur bitte und der Dax hat sich über die Jahrzehnte verzehnfacht und werde tendenziell immer weiter steigen. Selbst schuld, wer da keine Aktienkultur pflege. Der Deutsche sei halt nicht flexibel genug und risikobereit wie der Amerikaner. Zuviel German Angst und zu wenig Unternehmerkultur und Wagniskapital (Venture Capital- No risk, no fun, wie er dann im besten angelernten Business English zu sagen weiß).Die eigenen Verluste ala Argentinienanleihen und Manfred Krugscher Telekom-Volksaktie lässt er nicht gelten. Dass seien Anomalien und Ausreisser, die an der Richtigkeit der makroökonomischen Tendenz nichts änderten.

Privatisierung? Schaffe doch neue Anleihemöglichkeiten und wer dann da einsteige, brauche sich um Mindestlohn und Altersarmut dann keine Gedanken mehr zu machen. Zudem seien die privatisierten,,leerstehen den Bahnhöfe inzwishcen wieder begrünt, da die Natur zurückkehre und das sei doch romantisch.Schöne neue neoliberale Welt!

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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