Khashoggimord: SoKo Istanbul ermittelt

von Ralf Ostner

Neueste saudische Lesart: Man bestreitet die „Tötung“ Khashoggis nicht, diese sei jedoch aus Zufall im Rahmen eines Handgemenges erfolgt, bei dem er zufällig erwürgt worden sei, um ihm am Schreien zu hindern. Shit happens! Dazu wurden 18 Verdächtige und ein Vizegeheimdienstchef in Saudiarabien verhaftet und verdächtigt, damit man Sündenböcke hat und Kronprinz Mohammed Bin Salman als Unschuldslamm dastehen kann, der Opfer widriger Umstände, eigenmächtig und übereifrig handelnder Untertanen oder gar einer inszenierten Verschwörung der Muslimnbruderschaft, die Khasshoggi ja in seine  Artikeln verteidigte wurde.

US-Abgeordnete, allen voran Lindsay Graham äußern Zweifel an der saudischen Version, selbst Trump fordert weitere Aufklärung, CIA und NSA schweigen sich aus und wollen von all dem nichts mitbekommen haben und wissen.  Eine Schlüsselrolle kommt nun  der SoKo Istanbul zu, bei der diesmal nicht Erol Sanders, sondern Erdogan Chefermittler ist. Interessant ist, das es eine türkisch-saudische Ermittlungsgruppe geben soll, bei der wohl ausgemauschelt wird, welche Version denn nun die offizielle sein soll, was einige Kuhhändel nahelegt.

Es scheint, als wüsste Erdogan und sein Geheimdienst MIT wesentlich mehr über den Tathergang des Verbrechens, das inzwischen keiner mehr Mord nennt. Dafür sprechen, dass es eine Videoaufnahme des Mordes gegeben haben soll, die entweder durch Verwanzung der saudischen Botschaft durch den MIT oder aber die Smartwatch Khashoggis mitgefilmt wurde, die dieser während seines Aufenthalts anhatte und wohl Bilder an ungenannte Stellen übertrug. Hinzu kommt, dass auffälligerweise auch schon konkrte Orte genannt werden, an denen die Leiche Khasshoggis entsorgt werden sein soll.Ob das stimmt, weiß man nicht, es hängt aber als Damoklesschwert über der saudischen Version. Hinzu berichten die Erdogankontrollierten türkischen Medien von einem 15-Mann-Hit-Team, das in die Türkei angereist sei, was gegen die zufällige Erwürgungsversion spricht, sondern die zielstrebige Planung eines politischen Mordes nahelegt.Zudem auch die Mitglieder des Hitteams mit Fotos und Namen veröffentlicht werden und diese in Saudiarabien teilweise schon verhaftet wurden.

Erdogan hat jetzt für den Dienstag angekündigt, seine offizielle türkische Version mittels einer Erklärung publik zu machen, just an dem Tag, an dem in Saudiarabien ein Investitionsgipfel stattfinden soll, bei dem einige politische Führer und Wirtschaftsvertreter schon abgesagt haben, so dass das Wüstendavos für Kronprinz MbS zum PR-Fiasko werden könnte und seine Pläne mittels seiner der Vision 2030 Saudiarabien zu modernisieren kurz- und mittelfristig zurückwerfen könnte, solange die Sache nicht geklärt ist. Wobei geklärt bedeutet, dass der Kronprinz weiterhin erpressbar von türkischen Seite bliebe.

Die Erdogantürkei befindet sich in einer schweren Wirtschaftskrise, wobei die US-Sanktionen verschärfend hinzukommen, aber nicht ursächlich sind. Zumal Erdogan nun seinen Bittgang nach Europa und nach Deutschland absolvierte, den US- Pfarrer Brunson freiliess, der dann von Trump hochoffiziell und medienwirksam im Weißen Haus empfangen wurde, wobei Trump jedoch betonte, dass es zu keinem Deal mit Erdogan gekommen sei. Von daher liegt nahe, dass Erdogan daran gelegen sein könnte die konkurrierende Regionalmacht Saudiarabien und ihren in Kritik gekommenen Kronprinzen nun mittels Schweigegeld dazu veranlassen, die wirtschaftlich abstürzende Türkei mit etlichen Millarden Blutgeld zu subventionieren und zu stabilisieren. Freilich dürfte dies nicht in aller Öffentlichkeit erfolgen, da dies zu offensichtlich wäre. Die Gelder müssten dann über Scheinfirmen und Briefkastenfirmen schwarz in die türkische Staatskasse fliessen, was auch nicht ganz ohne Risiko ist. Zudem ist es auch möglich, dass Erdogan neben wirtschaftlichen Vorteilen auch politische Zugeständnisse Saudiarabiens fordern könnte.Ohne Imageschaden ist der Mord nicht zu haben, man bemüht sich nun um Schadensbegrenzung.

In den USA wie auch in den westlichen Metropolen kommt teilweise eine Diskussion auf, ob Kronprinz Mohammed Bin Salman der geeignete Mann für die US-Strategie ist. Seine Jugend wie auch sein „außenpolitisches Abenteurtum“werden als Risikofaktoren genannt. Prominentester Kritiker der US-Nahoststrategie und des War on Terror ist der Ex-CIA-Agent Robert Baer, der sich nach seinem damaligen Buch „Der Niedergang der CIA“ und nach seiner Mitarbeit als Berater am Film „Syriana mit George Clooney in der Hauptrolle nun wieder publikumsträchtig zu Worte meldet. Er stellt fest, dass der War on Terror die globale Ausbreitung des Islamismus und islamistischen Terrorismus nicht verhindert habe, ganz im Gegenteil dieser nun Urstände feiere. Als Hauptgrund gibt er das Wirken des saudischen Wahhabismus an, der den Islam in extremer Weise radikalisiere und zum Dschihhadismusexport in alle Welt substantiell beitrage. Daher sei es falsch, dass sich die US-Strategie auf Saudiarabien als arabischen Hauptverbündeten gegen den Iran stütze, zumal der Iran was den Terrorexport angehe eher harmlos sei gegenüber Saudiarabien.Doch John Bolton und Pompeo als ausgemachte Neocons und Iranfeinde würden ihr altes Rezept des War on Terror samt regime change weiter verfolgen. Besser sei es laut Baer , wenn die USA mit dem Iran den Ausgleich suchen würden und diesen in ihre Nahoststrategie integrieren würden. Ähnliches hatte ja schon einmal der verstorbene US-Geostratege Brzezinski vorgeschlagen, der einen Big Deal zwischen den USA und dem Iran befürwortete wie auch eine G2 zwischen den USA und China–hierzu kam es jedoch nie.

Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass diese Vorschläge Gehör finden. Denn Trump wie Bolton und Pompeo werden ihre US-Strategie nicht kurz- und mittelfristig ändern– Mord hin, Mord her–, beabsichtigen nun nach der Kündigung des Irandeals und erster Sanktionen ein völliges Ölembargo gegen den Iran nach den Midterm Elections und die Konfrontation mit diesem eskalieren zu lassen. Dazu brauchen sie auch als Ölliefernaten Saudiarabien, dass mittels Mehrproduktion dann die ausfallenden Iranöllieferungen auf den Weltmärkten kompensiert. Zumal wohl auch die Regel gelten dürfte: Wechsele niemals das reitende Pferd. Zudem könnte eine Palastrevolte der USA in Saudiarabien und die Ersetzung von Kronprinz Mohammed Bin Salman das Land auch in innere Machtkämpfen destabilsieren , neutralsiieren, ja vielleicht auch radikalere Kräfte ermutigen. Von daher bleibt ein Strategiewechsel der USA zum gegenwärtigen Zeitpunkt mehr eine theoretische  Option und mehr ein akademisches Gedankenspiel. Vielleicht erfolgt dies nach einem gescheiterten Irankrieg, aber auch das bleibt Spekulation.

 



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