Balkankrise: Eigene kosovarische Armee als Auftakt einer Schlacht ums Amselfeld?

Der Balkan ist nicht so stabilisiert wie es aussieht. Davon zeigen die bleibenden Spannungen zwischen den Ethnien, der failed state Bosnien-Herzegoniwa, der versuchte russische Putsch in Montenegro und andere Beispiele. Zeugnis davon sind vor allem die neueste Asueinandersetzung zwischen dem serbischen Präsidenten Vucic und dem ehemaligen kosovarischen UCK-Führer Thaci vor der UNO, bei der der Kosovo sein Bestreben eine eigene Armee zu gründen der internationalen Öffentlichkeit publik machte, wobei er für dieses Vorhaben von den USA unterstützt wurde, während Vucic von Russland als Gegenpart Hilfe erhielt. Der Konflikt zwischen den USA und Russland scheint sich nun am Balkan zu entzünden. Die heutige FAZ überschreibt den Konflikt mit der Schlagzeile „Schlacht ums Amselfeld“. Sie sieht hier zum einen alte serbische mythische Begebenheiten um Amselfeld, das seitens serbischer Nationalisten Druck auf Vucic ausübt, wie auch geschrieben wird, dass eine kosovarische Armee bestenfalls 5000 Mann ohne Luftwaffe und Panzer haben würde, deswegen keine Gefahr für Serbien sei und man daher serbische Bedenken vernachlässigen könne.

Dazu ist zu sagen: Der Kosovo wurde seitens der USA und weniger Staaten als eigenständig unterstützt, entgegen eigentlichen Völkerrechts, der Kosovo wird von vielen Staaten, auch europäischen nicht anerkannt, zudem haben die USA im Kosovo den grössten Militärstützpunkt auf dem Balkan errichtet, Camp Bondsteel,  die wohl mächtigste Militärformation auf dem gesamten Balkan darstellt und zugleich Hauptquartier der US-amerikanischen KFOR-Truppe ist. Zudem muss man sehen, dass Serbien nicht nur an den Kosovo angrenzt, sondern auch an Kroatien, das militärisch aufrüstet, nationalistische Revanche fordert, zudem NATO- und EU-Mitglied ist und Serbien im Ernstfalle in einen Zweifrontenkrieg bringen könnte. Zudem überlegen einige Kosovoalbaner sich auch noch mit Albanien zusammenzutun, wodurch die Kräfteverhältnisse auf dem gesamten Balkan in Bewegung kommen  und neue Konflikte vorprogrammieren würden.

Zudem besteht der Konflikt auch in der Anerkennung des Kosovos als eigenständigen, völkerrechtlich anerkannten Staats. Wenn ein Staat souverän ist, hat er auch das Recht auf eine eigene Armee. Soweit nachvollziehbar, aber der Kosovo ist eben ein völkerrechtlich umstrittenes (Kunst-) Gebilde, dass vor allem von den USA gefördert wurde, zumal die USA da ihren grössten Militärstützpunkt auf dem Balkan eröffnen konnten, aber der Kosovo von vielen Staaten der internationalen Gemeinschaft, auch europäischen nicht als Staat anerkannt wird. Von daher zieht sich auch der Streit um den Kosovo und der Forderung nach einer eigenen Armee um die völkerrechtliche Anerkennung des Kosovo als souveränem Staat bis hin zur Forderung einer eigenen Armee, wobei dies die USA unterstützen und Russland eben nicht und die EU dazu keine einheitliche Position hat.Es gibt zwar Mehrheiten, aber keine Eingkeit.

Seit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo am 17. Februar 2008 haben 114 von insgesamt 193 (59 %) Mitgliedsstatten der UNO , 23 der 28 (82 %) Mitgliedsstatten der EU, 25 der 29 (86 %) NATO-Mitglieder und 35 der 57 (61 %) MItglieder der Organisation für Islamische Zusammenarbeit die Unabhängigkeit des Kosovos unterstützt.  Nicht alle dieser Staaten haben tatsächlich schon diplomatische Beziehungen und nur ein Teil davon hat  Botschafter entsandt, vielen war dies auch egal und wie sie sich in einem  US-amerikanisch-russischen Konflikt auf dem Balkan positionieren würden, bleibt abzuwarten.

Ein deutschstämmiger US-Militär wies mich auch noch auf die innere militärische Eigenlogik einer kosovarischen Armee hin. Gebe es 5000 Bodentruppen, wäre wahrscheinlich, dass es auch Helikopter und gepanzerte Fahrzeuge für diese geben müsse, vielleicht mit Gentlingguns oder mit anderen panzerbrechenden Geschützen ausgerüstet würde. Die ursprünliche Vision des UNO-Vermittlers Assatahri, dass eine kosovarische Armee mit 500 Leuten im Katastrophenschutz ausgerüstet werden solle, sei nun auch schon in der nächsten Stufe auf eine kosovarische Armee mit 5000 Bodentruppen erweitert worden. Und da seien eben weitere Schritte zu erwarten.

Zudem liegt die nächste Eigendynamik darin, dass Russland Serbien auch gegen Kroatien und den Kosovo aufrüsten könne, kurz: der gesamte US-russische Konflikt sich über den ganzen Balkan und die anliegenden Länder ausbreiten könne. Die FAZ zitiert auch das US-amerikanische Argument, dass im Kosovo aufgrund der UCK-Guerillastrukturen immer noch viele unkontrollierte Einheiten selbstsändig bewaffnet herumlaufen würden, zumal im politischen Leben wie auch bei Menschenhandel und Drogenexporten führend seien und eine kosovarische Armee diese loose guns in kontrollierbare Strukturen integrieren und paralysieren könne. Fraglich aber, ob sich in diesen Bereichen auch unter einer kosovarischen Armee soviel ändern würde, zumal der Kosovo eben über eine marode Mafiaökonomie verfügt, die damit nicht abgestellt würde, sondern auch in Armeestrukturen, vielleicht dann noch organisierter hineinwirken könnte.

Zweckoptimitisch könnte man auch anders interpretieren, nämlich als einen taktischen Zug im Verhandlungsverlauf zwischen Belgrad und Pristina, hinter denen Washington und Moskau als Schutzmächte stehen. Kommt es vielleicht zu einem  Verhandlungsergebnis, bei dem Trump und Putin als Peacemaker im Hintergrund stehen und die EU, insbesondere Berlin und Paris, gar nicht mehr im Bild erscheinen, aber – wie in Syrien – die Rechnung bezahlen müssen? Dieser Prozess wird dann hoch problematisch und gefährlich, wenn er nicht sorgfältig und professionell gesteuert und begleitet wird.

Über Ralf Ostner

Ralf Ostner geboren 1964 in Frankfurt am Main, 1984 Abitur in Bayern--Leitungskurse: Physik und Kunst/ Schülerzeitung. Studium der Physik (Nebenfächer: Mathematik, Chemie), Wirtschaftsgeographie (Nebenfächer: BWL, VWL) und Studium der Sinologie. 1991 Abschluss als staatlich geprüfter Übersetzer in der englischen und chinesischen Sprache am Sprachen- und Dolmetscher-Institut/München (Leiter der Chinesisch-Abteilung: Herr Zhang, ehemaliger Dolmetscher von Deng Xiaoping und Franz-Josef Strauß).Danach 5 Jahre Asienaufenthalt: China, Indien, Südostasien (u.a. in Kambodscha während des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr, Interviews mit Auslandschinesen, Recherche im Karen-Guerillagebiet in Burma, Unterstützung einer UNO-Mitarbeiterin während den Aufständen in Nepal und bei UNO-Arbeit in Indien), Australien. Danach 5 Jahre als Dolmetscher, Delegationsbegleiter und Übersetzer in München. Abendstudium an der Hochschule für Politik /München (Schwerpunkt: Internationale Beziehungen). Abschluss als Diplom-Politologe (Diplomarbeit: Die deutsch-chinesischen Beziehungen 1989-2000 unter besonderer Berücksichtigung der SPD-Grünen-Regierung). Delegationsbegleitung von Hu Ping, Chefredakteur der chinesischen Dissidentenzeitung "Pekinger Frühling" (New York)und prominentester Vertreter eines chinesischen Liberalismus bei seiner Deutschlandtour (Uni München, Uni Mainz, Berlin/FU-Humboldt) bei gleichzeitigem Kontakt mit Liu Liqun (Autor des Buches "Westliches Denken transzendieren"/ heute: Deutschlandberater der chinesischen Regierung).Chefredakteur der Studentenzeitschrift UNIPOL . Projekte am Goethe-Institut und bei FOCUS TV. Seit 2000 Übersetzer (chinesisch-deutsch), Graphiker, freier Schriftsteller und Blogger.
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