NATO- Geheimdienst- ein Deutscher als erster Chef

von Ralf Ostner

Interessant, dass es mit dem ehemaligen Vize-BND-Chef und aus alter, adeliger und nationalkonservativer Diplomatenfamilie  stammenden Arndt Freytag von Loringhoven den ersten Deutschen als NATO-Geheimdienstchef gibt, der in der Hierarchie als die Nr.3 nach dem NATO-Generalsekretär eingeschätzt wird. Fehlt nur noch Ursula von der Leyen als neue NATO-Generalsekretärin und die NATO wäre perfekt germanisiert und teutonisiert, wenn man militärisch schon die NATO-Speerspitze stellt und „mehr Verantwortung“haben will, etwas größenwahnsinnig denken und die US-Dominanz ignorieren würde. Zur Personalie:

Arndt Burchard Ludwig Freiherr Freytag von Loringhoven (*12. November 1956 in München ist ein deutscher Diplomat. Er war von 2007 bis 2010 Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes.

Sein VaterBernd Freytag von Loringhoven aus der Familie derer vonFreytag von Loringhofenwar von Juli 1944 bis zum 30. April 1945 als Adjutant bei den täglichen militärischen Lagebesprechungen im Führerbunker  in Berlin. Ein Verwandter seines Vaters, Oberst i. G.Wessel Freytag von Loringhofen hatte den Sprengstoff für das Attentat vom 20.Juli 1944 besorgt und sich kurz nach dessen Fehlschlag selbst das Leben genommen.

Arndt stammt aus der zweiten Ehe seines Vaters mit Ilse-Verna Kraul.

Er ist verheiratet mit Barbara Emilie Friederike Maria v. Ow-Wachendorfund hat zwei Söhne.

Ab 1974 studierte Freytag von Loringhoven in Bonn und Berlin Geschichte, Philosophie und Chemie. 1976 wechselte er an die Universität Oxford, ein Studium der Biochemie schloss er 1980 mit einem Mastrs of Arts und der Promotion ab. Am Max-Planck-Institut für Biochemie  in Martinsried bei München nahm er 1984 eine Forschungstätigkeit auf und wechselte 1986 in denDiplomatischen Dienst  des Auswärtigen Amtes.

Ab 1989 war er Referent an der Botschaft in Paris, 1992 in Moskau. Ab 1994 war er im Planungsstab des Ministeriums, ab 1998 im Büro des Außenministers tätig. 2002 kehrte er als Leiter der politischen Abteilung an die Botschaft in Moskau zurück. Ab 2005 wurde er in der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes  eingesetzt. 2007–2010 war er Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes. Von August 2010 bis August 2014 war er stv. Leiter der Europaabteilung im Auswärtigen Amt. Vom 8. August 2014 bis Ende November 2016 war er Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Tschechischen Republik Zum Ende des Jahres 2016 trat er als Beigeordneter Generalsekretär der NATO die neu geschaffene Stelle des Geheimdienstkoordinators der Allianz in Brüssel an.

Über seine Aufgabe als die Nummer drei hinter dem NATO-Generalsekretär ist auf der NATO-Webseite zu lesen:

„Arndt Freytag von Loringhoven is NATO’s first Assistant Secretary General for Intelligence and Security. He took up his post on 1 December 2016. He is responsible for providing intelligence support to the North Atlantic Council and the Military Committee as well as for advising the Secretary General on intelligence and security matters. His tasks include setting up the new Joint Division and thus merging NATO’s civilian and military intelligence strands.“

https://www.nato.int/cps/en/natohq/who_is_who_140834.htm

In den Medien hat man dazu kaum erfahren, dass die NATO einen eigenen Geheimdienst hat. Angeblich wurde dieser erst 2016 auf Anraten der USA gegründet und hat etwa 270 Mitarbeiter, die jedoch nicht alle Agenten sind.Russia Today spricht aber schon in einem Artikel von 2014 von einem NATO-Geheimdienst und Geheimdienstoffizieren der NATO:

„NATO-Geheimdienst warnt vor falscher Lageeinschätzung der russischen Ukraine-Politik

9.12.2014 • 12:24 Uhr

Geheimdienstoffiziere der NATO haben eine Lageeinschätzung zur Ukraine verfasst, laut der Russland kein Interesse an einer Abtrennung der Ostukraine hat und zudem eine positive Kontrollfunktion innerhalb der Volksmilizen im Donbass ausübt.

Es war nur ein sehr kurzer, wenige Zeilen umfassender Artikel, der es aber in sich hat. Wie das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL berichtet, haben NATO-Geheimdienstoffiziere einen Bericht verfasst, nach dem der Westen die strategischen Absichten Russlands völlig falsch einschätzt

Laut den Aussagen der Geheimdienstbeamten, möchte der Kreml eine Reorganisation innerhalb der Verwaltungseinheiten der selbsternannten Volksrepubliken von Donezk und Lugansk erreichen, um so einen Dialog zwischen Kiew und den Regionen zu fördern. Beide Gebiete sollen im Rahmen  einer föderalisierten Ukraine den russischen Einfluss sicherstellen.

Weiter verweisen die Geheimdienstler darauf, dass Putin mittlerweile mehr Kontrolle über die verschiedenen Gruppen unter den Separatisten, die in der Vergangenheit oft unkoordiniert agierten, ausübt.

Auffällig an dem SPIEGEL-Artikel ist, trotz der enormen Implikationen die dieser NATO-Geheimdienstbericht in sich birgt, dass er lediglich als 15-zeilige Kurzmeldung verfasst ist.

Bedenkt man die bisherige SPIEGEL-Linie hinsichtlich der Ukraine-Krise wird klar, dass die Erkenntnisse der Geheimdienste so gar nicht in die bisherige Ausrichtung des Nachrichtenmagazins und der eines Großteils der deutschen Presse passen.

Es sind die NATO-Geheimdienste selbst, die mit ihrer Analyse der aktuellen Eskalationspolitik des Westens die Grundlage nehmen:

Entgegen dem medialen Diskurs gibt es keinen imperialen Plan des russischen Präsidenten Waldimir Putins, noch hat Moskau Interesse an einer Annexion von Teilen der Ukraine, geschweige denn, wie in der aktuellen Rhetorik und Forderung nach Aufrüstung stets behauptet, will er sich noch weitere osteuropäische Staaten einverleiben. Ganz im Gegenteil, Russland will nach Lageeinschätzung der NATO-Geheimdienstler, die Integrität der Ukraine als föderales Land beibehalten.

Man kann nur hoffen, dass die NATO-Geheimdienstoffiziere auch das Ohr von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg finden. Dieser hatte erst jüngst noch verkündet:

„Wir [die NATO] haben bereits unsere Präsenz im östlichen Teil unseres Bündnisses verstärkt. Wir haben fünfmal mehr Flugzeuge in der Luft. Unsere Streitkräfte beginnen alle zwei Tage eine Übung. Und wir haben ebenfalls die Zahl unserer Schiffe in der Ostsee und am Schwarzen Meer erhöht.“

Für Moskau erscheint das Vordringen der NATO in Richtung der russischen Grenzen aggressiv und vor allem sollen die nach dem Kalten Krieg getroffenen Vereinbarungen ignoriert werden. Eine Garantie darüber, dass die NATO Länder wie die Ukraine und Georgien nicht ins Bündnis aufnehmen wird, lehnte Stoltenberg bereits zum wiederholten Male ab.“

https://deutsch.rt.com/7837/international/nato-geheimdienst-warnt-vor-falscher-lageeinschaetzung-der-russischen-ukraine-politik/

Putin-Russland scheint da in den alten NATO-Geheimdienstlern quasi Verbündete zu wittern, die aber von NATO-Generalsekretär Stoltenberg wie der CIA von Trump nicht erhört wurden. Vielleicht waren sie ja auch zu Putinfreundlich. Jedenfalls scheint man die scheinbar schon vorhandenen NATO-Geheimdienstkapazitäten nun straffer organisiert und stellungsmässig aufgewertet zu haben, zumal die Joint Divison sowohl militärische wie auch zivile Geheimdienste zsuammenbringen will.

Klingt ein wenig nach dem US-amerikanischen Vorbild des Director of National Intelligence (DNI; deutsch:  Direktor der nationalen Nachrichtendienste) – ein hochrangiger Regierungsbeamter, der Direktor der Intelligence Community, einem Zusammenschluss der 17 US-amerikanischen Nachrichtendienste ist. Der damalige Präsident Ronald Reagan verfügte die Bildung dieser Intelligence Community am 4. Dezember 1981 durch die Executive Order 12333.

 

Also die Frage ist, ob es sich wirklich um einen NATO-Geheimdienst handelt, der eine NATO-Zentralmacht ist und andere Geheimdienste unterstellt und diese kommandiert. 270 Mitarbeiter, der BND hat allein 6500 und die anderen Dienste von CIA, MI6  bis Mossad Zehntausende. Kontrolliert diese neue Stelle des sogenannten NATO-Geheimdienst als geheimes und ganz znetralisiertes Politbüro und inoffizielle Weltregierung jetzt die deeper states all seiner Mitglieder und damit alle Geheimdientse aller NATOstaaten unter seinem Dach? Sehr unwahrscheinlich. Eher wahrscheinlich ist es, dass in der immer noch vorhandenen differendierenden Nationalstaatenund NATO-Mitgliedern und deren unterschiedlichen Interessen innerhalb der NATO eine zentralere und breitere Schnittstelle für Intelligence Sharing vereinbart wurde, die neben militärischen nun auch zivile Nachrichtendiesnte einbezieht und umfasst und bei der es trotz allem immer noch auf die Intelligence Capacity ankommt, was die jeweiligen nationalen Geheimdienste beitragen können und was sie oder die mit ihnen verbundenen Regierungen auf diesem Marktplatz dafür erhalten. Scheinbar waren die Nachrichtendienstsammlungen zuvor in der NATO dezentraler organisert, aber dass jetzt die NATO ein Superstaat wäre, der alle NATO-Geheimdienste unter seine zentrale Kontrolle nimmt,diese vereinigt und befehligt, zuerst einen Deutschen einsetzt, um sie dann später durch eine US-Kontrolle zu unterstellen, ist eher unwahrscheinlich.

Etwas verwirrend, aber bezeichnend, dass es kaum Informationen darüber in den Medien und dem Internet gibt, selbst die russische Propganda und die üblichen Alternativmedien und Verschwörungsseiten halten sich da auffallend zurück . Googelt man „NATO-Geheimdienst“ wird man im Internet nur bei der FAZ, dem Handelsblatt und Wikipedia fündig , die taz hat nur einen abgestandenen Archivartikel über Gladio in Belgien aus dem Kalten Krieg. Vielleicht auch ein fähiger Geheimdienst, wenn er so geheim und geheimnisumwittert bleibt oder vielleicht auch nicht so bedeutungsvoll und mächtig, wenn schon Lageeinschätzungen ignoriert werden, wenn sie nicht ins Weltbild passen, insofern es sich so zugetragen hat und Russia Today hier nicht Fake News produziert hat.

Wichtige Vorarbeiten in diesem Bestreben stellte das Papier „Zu einer Gesamtstrategie in einer ungewissen Welt–Die transatlantische Partnerschaft erneuern“ der Ex-NATO-Generale

General Dr. Klaus Naumann

General John Shalikashvili(USA)

Feldmarschall The Lord Inge(GB)

Admiral Jacques Lanxade(F)

General Henk van den Breemen(NL) aus dem Jahre 2008 dar.

Die NATO sei die am besten geeignete Institution, um zentrales Element einer künftigen Sicherheitsarchitektur zu werden, insofern sich die NATO radikal reformiere.Die NATO brauche mehr nichtmilitärische Kapazitäten, die sie mittels einer engen Kooperation von der EU erhalten sollte.

  • EU und USA sollten ein gemeinsames Geheimdienstzentrum gründen.
  • EU, USA und NATO sollten ein Direktorium gründen, das langfristig als Vorstufe einer weltweiten Allianz der Demokratien dienen sollte. Der so gestärkte Westen sollte sein Gewicht in die UNO und neben der UNO in die Waagschaale werfen soll, d.h. NATO-Einsätze außerhalb der UNO legitimieren, d.h. unabhängig vom Veto Russlands und Chinas

Noch scheint es kein gemeinsames Geheimdienstzentrum von USA und EU zu geben, da es scheinbar noch nicht einmal einen richtigen NATO-Geheimdienst gab, bzw. nur in Fragmenten oder gar einen EU-Geheimdienst gibt oder auch geben wird – aber man scheint nun unter dem Dach der NATO eine eigene Geheimdienstkooperation zu forcieren.Möglicherweise bleibt das aber dann auch solch eine zahnlose Veranstaltung wie Europol oder Interpol, da die jeweiligen Geheimdienst ja ihre Quellen und Informationen nicht so gerne austauschen. Zumal die Kapazitäten bei diesem Intelligence Sharing auch sehr ungleich verteilt sind. Die sogenannten grossen Nationen haben etwas, die kleinen wenig bis nichts. Und wer nicht tauschen kann, ist raus. Nato sind alle. Quasi der Marktplatz. Das funktioniert so lala, aber am Beispiel INF zeigt sich : alle müssen glauben, was die USA sagen.

Zumal auch die Frage ist, ob Trump an einer derarigen Entwicklung überhaupt ein Interesse hat und auch die bisherige geheimndienstliche 5-Eyes- Konstruktion ( USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland) weiter so mitträgt, zumal er ja auch keinen Wert auf den Rat der CIA und anderer US-Geheimdienste legt, wie zuletzt an der diametralen Einschätzung beider Seiten bezüglich Nordkoreas und des Irans deutlich wurde.

Schon unter der Neocon-Regierung George W. Bushs wurden die Erkenntnisse der CIA ignoriert, schufen diese neue Geheimdienste wie etwa US-Verteidigungsminister Rumsfeld, die ihnen nur die Informationen brachten, die man auch hören wollte und für einen Krieg gegen den Irak 2003 förderlich waren, zumal ja eine wesentliche Falschmeldung über angebliche mobile C-Waffenlabors Saddam Huisseins, die Colin Powell in seiner UNO-Präsentation brachte ungeprüft vom BND und seinem dubiosen exilirakischen Agenten „Curve Ball“ kamen. Der New Yorker nannte diese Parallelinstitutionen Rumsfeld und der Neocons dann ironischerweise“stovepipes“, Ofenrohr. Ob das dann bei einem NATO-Geheimdienst anders läuft, wo Trump doch nicht einmal grosses Vertrauen in die NATO sowie sonstige Ratschläge seiner Berater hat oder er nur die Informationen selektiv wahrnimmt, die in sein Weltbild passen?



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